Weibliche Führungskräfte in der Minderheit
Frauen, bleibt dran!

Ob im Bundestag oder in Führungspositionen in der Wirtschaft: Frauen sind unterrepräsentiert. Eine Weile war das Gender-Thema chic, jetzt scheinen viele nur noch genervt. Da hilft nur eins: dranbleiben! Ein Kommentar.
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BerlinWieder eine neue Studie zu Frauen in der Wirtschaft, wieder eine Entmutigung: Frauen stellen zwar 44 Prozent der Beschäftigten, aber nur 26 Prozent der obersten Führungskräfte in den Unternehmen. Und das vor allem in kleinen Betrieben: Je größer der Laden, desto weniger Frauen stehen an der Spitze. Verdrießlicher noch ist: Seit 2004 ist der Anteil um gerade mal zwei Prozentpunkte gestiegen. Das hat soeben das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei seiner regelmäßigen Befragung von 16.000 Unternehmen herausgefunden.

Frauen, die in den 1980er-Jahren in den Beruf gestartet sind, und altersmäßig längst in der Liga der potenziellen Chefinnen angekommen sind, können sich nur wundern. Damals versprach der Zeitgeist eine schnelle Emanzipation. Selbst die Werbung profilierte sich mit Frauen in Blaumännern statt adretten, treusorgenden Heimchen am Herd. Wer hätte gedacht, dass wir drei Jahrzehnte später kaum weiter sind – allen Sonntagsreden vom ach so wertvollen weiblichen Talente-Pool, auf den die Wirtschaft angeblich nicht verzichten kann, zum Trotz.

Was ist los in Deutschland? Wir haben zwar seit zwölf Jahren eine Kanzlerin, aber im neuen Bundestag sitzen so wenig Frauen wie zuletzt 1994 – gerade mal 30,7 Prozent. Seit den 1970er-Jahren ist ihr Anteil im Parlament stetig auf zuletzt 36 Prozent gestiegen – und nun der Einbruch. Und das ist keineswegs nur die Schuld der AfD – auch die wiederauferstandene FDP und die Unionsparteien sind extrem männerlastig. Frauen stellen dort nur ein Fünftel der Abgeordneten.

Es passt zum Stillstand in der Wirtschaft. Die Frauenquote, die die Merkel-Regierung den wenigen ganz großen Konzernen der Republik nach Jahren des geduldigen Zusehens verordnet hat, hat bisher offenbar eher die Beharrungskräfte befördert. Viele Herren der Top-Ebene sind schlicht genervt vom Gender-Thema. War es vor wenigen Jahren noch chic, selbst den Vorstandsjob in Teilzeit zu propagieren, gilt heute vielerorts wieder die Ansage: Mit 70 Prozent Teilzeit kannst du leider kein Führungsjob übernehmen; nein, auch keinen kleinen. Kein Wunder, dass die Männer inzwischen zwar Baby-Monate nehmen – aber eben in der Regel nur die beiden, die unbedingt nötig sind, um kein Geld vom Staat zu verschenken. Das versteht der konservativste Chef.

Beim Staat sieht es übrigens auch nicht besser aus: Dort schaffen es zwar mehr Frauen in Top-Jobs – doch gemessen an ihrem Anteil an den Beschäftigten sind sie im öffentlichen Dienst sogar „noch stärker unterrepräsentiert“ als in der Privatwirtschaft, stellen die IAB-Experten trocken fest.

Am häufigsten findet man Chefinnen in Dienstleistungsbereichen wie Gesundheit, Erziehung und Unterricht – dort haben sie immerhin 46 Prozent der Top-Jobs erobert. Das relativiert sich zwar beim Blick auf den hohen Frauen-Anteil von drei Viertel der Beschäftigten. Aber es stützt die These von der nötigen kritischen Masse: Viele Frauen haben schlicht keine Lust, sich in Unternehmen nach oben zu kämpfen, wo sie in allen Runden eine kleine Minderheit bilden oder ganz allein unter Männern sind. Diverse Studien – und die persönliche Erfahrung unzähliger Frauen – besagen: Das allgemeine Klima, die Aufmerksamkeit, das testosteron-gesteuerte Gehabe, die Witze… all das ändert sich erst, wenn Frauen einen nennenswerte Anteil ausmachen.   

Ob von einer Jamaika-Regierung, so sie denn überhaupt zustande kommt, große neue Impulse – wie etwa eine verschärfte Frauenquote – kommen, darf bezweifelt werden. Antreiber könnten allenfalls die Grünen sein. Doch die scheinen mit dem Kampf für die Umwelt weitgehend ausgelastet.

Den Frauen bleibt also nur: dranbleiben! Sich nicht verdrießen lassen, die Karriere auch um den Preis der Unbeliebtheit bei einzelnen konventionellen Chefs vorantreiben. Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Der Anteil der Frauen in der zweiten Führungsriege ist seit 2004 um immerhin sieben auf jetzt 40 Prozent gestiegen. Jetzt fehlt so mancher also nur noch der Sprung nach ganz oben. 

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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