Weinmarktreform
Unausgegoren

Es gibt in Europa lausige Weine. Und es gibt, um das damit einhergehende Problem hoher Überschüsse aus der Welt zu schaffen, einen lausigen Gesetzentwurf der EU-Kommission.
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Das ist, kurz zusammengefasst, der Stand der Debatte über die Weinmarktreform unmittelbar vor ihrer voraussichtlich entscheidenden Beratung durch die Landwirtschaftsminister am heutigen Montag.

Der dänischen Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel ist mit ihrem Vorschlag das Kunststück gelungen, Europas gewöhnlich heftig konkurrierende Weinnationen in einmütiger Ablehnung zu vereinen. Die Gründe für den Widerstand von der Mosel bis nach Sizilien sind freilich sehr verschieden. Während Franzosen und Italiener die hochsubventionierte Destillation unverkäuflichen Weins zu Industriealkohol retten wollen, kann Deutschland mit dem Ende dieser „Marktverwaltungsmaßnahme“ prima leben. Probleme haben die deutschen Winzer dagegen mit dem von Fischer Boel geplanten Zuckerungsverbot, das wiederum in den Südländern niemanden aufregt.

Man mag die Strategie der Kommissarin, jedem Land eine andere Grausamkeit zuzumuten, für einen geschickten Schachzug halten. Es kann ihr aber auch passieren, dass sich die Landwirtschaftsminister zu einer großen Blockadeallianz verbrüdern und von den Reformen am Ende kaum etwas übrig bleibt. Das wäre typisch EU und sehr bedauerlich. Denn jeder weiß, dass sich beim Wein einiges ändern muss. Seit Jahren verliert Europa Marktanteile an die Neue Welt. Dass die EU mehr als ein Drittel der 1,3 Mrd. Euro Subventionen für die Branche zur Vernichtung minderwertigen Weines ausgibt, gehört umgehend abgestellt.

Vieles von dem, was Fischer Boel vorhat, ist deshalb richtig. Wer so schlechten Fusel keltert, dass der nur zu Spiritus destilliert werden kann, der braucht keine EU-Mittel, sondern sollte die Rebschere gleich ganz an den Nagel hängen. Darum macht auch das geplante Programm zur freiwilligen Rodung unwirtschaftlicher Rebflächen Sinn, und die Kommissarin sollte sich von den heftigen Protesten aus Europas Süden nicht beirren lassen.

Wein ist ein emotionsbehaftetes Kulturgut mit ausgeprägt regionaler Identität. Das macht es so schwer, aus Brüssel ein für alle passendes Regelwerk vorzuschreiben. Zumal nirgendwo in der Landwirtschaft die Spannbreite zwischen Innovationsfreude und verbohrter Orthodoxie größer ist als im Weinberg. Eine neue Generation junger Winzer setzt auf Qualität und pfeift auf die alte Doktrin maximaler Hektarerträge. Der Erfolg gibt den Reformern recht. Sie brauchen keine Subventionen und sähen deren Ende mit stillem Wohlgefallen entgegen.

Die Schwäche von Fischer Boels Therapieansatz ist, dass er diesen Selbstheilungskräften nicht vertraut. So bleiben die Beihilfen Brüssels für den Weinbau unverändert hoch, sie werden nur anders verteilt. Statt Geld für die Destillation gibt es künftig Geld für die Grünernte, eine schönfärberische Umschreibung dafür, die Trauben ganzer Weinberge zur Vernichtung unreif vom Rebstock zu schneiden.

Unausgegoren sind auch Fischer Boels Pläne zur Absatzsteigerung: Europas Weinbauern sollen das Bezeichnungssystem ihrer amerikanischen Kollegen kopieren, in der Hoffnung, wenn künftig „Cabernet Sauvignon“ auf der Flasche steht, ließe sich der Inhalt besser verkaufen. Der steile Aufstieg deutscher Weine gerade in den USA zeigt, wie überflüssig solche Mätzchen sind. Offenbar können Weinliebhaber auch dann einen guten von einem schlechten Tropfen unterscheiden, wenn ihn das Etikett als „Spätlese trocken“ ausweist.

In krassem Widerspruch zu Fischer Boels Beteuerung, sie wolle Europas Weine wettbewerbsfähiger machen, steht schließlich ihr Feldzug gegen die Anreicherung des Mosts mit Saccharose. Der Zucker erhöht bei der Gärung den Alkoholgehalt, ein in den nördlichen Anbauregionen seit langem gebräuchliches Verfahren, wenn den Trauben wegen schlechter Witterung die Sonne fehlt. Niemand hat bisher beklagt, ihm werde deshalb kein reiner Wein eingeschenkt. Im Gegenteil, der Verbraucher verlangt nach gehaltvollen Weinen, das zeigen die steigenden Verkaufszahlen aus Übersee. Warum also mit dem Verbot der Zuckerung deutschen und österreichischen Winzern einen Wettbewerbsnachteil bereiten? Ganz einfach, weil es hier um ein Kompensationsgeschäft geht. Wenn den Südländern Subventionen genommen werden, dann sollen auch die Anbaugebiete im Norden darben. Das ist die Logik der Kommissarin.

Doch mit der Qualität einer Reform verhält es sich wie mit jener von Wein: Wer zu viele Fässer aufmacht und zusammenschüttet, der trifft am Ende niemandes Geschmack. Fischer Boel hat das leider nicht beherzigt.

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