Weiterbildung
Noch ein Notstand

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Pisa, Facharbeitermangel, Ingenieurlücke – diese Bildungsthemen alarmieren Politik und Wirtschaft. Aber möglicherweise ist das alles nur ein mildes Lüftchen im Vergleich zu dem Sturm, der auf einem anderen Feld zu erwarten ist – bei der Weiterbildung. Sie ist ausschlaggebend für die Kernfrage: Wie qualifiziert sind die Deutschen?

Die Pläne zur verstärkten Förderung der Weiterbildung, die die Bundesregierung in dieser Woche bekannt gegeben hat, sind daher richtig und überfällig. Es ist höchste Zeit, vor allem wenig Qualifizierte durch Prämien zu ermuntern, sich weiterzubilden, denn hier gibt es den größten Nachholbedarf. Auch die „Kredite für jedermann“ können hilfreich sein, Arbeitnehmer jenseits der 40 oder 50 Jahre zu Investitionen in ihre Bildung zu ermuntern.

Angesichts der Dimension der Herausforderung ist das aber zu wenig – und ein offizieller „Tag der Weiterbildung“, wie er am Freitag stattfindet, ändert daran auch nichts. Dass die Bildungsministerin mit angezogener Handbremse agiert, zeigt schon die Finanzierung: Das Weiterbildungspaket wird nahezu komplett mit EU-Mitteln finanziert, eigenes Geld steckt die Regierung nicht hinein. Dabei sollte auch dem Wirtschafts- und dem Arbeitsminister Weiterbildung ein Herzensanliegen sein.

Denn um die Qualifikation ist es schlecht bestellt – und sie wird künftig weiter unter Druck geraten. Sowohl im Vergleich zu früher als auch im Vergleich zur Konkurrenz. Die meisten Industrieländer bilden nicht nur deutlich mehr Akademiker aus als die Bundesrepublik. Vor allem in europäischen Ländern bilden sich zudem viel mehr Erwerbstätige im Lauf ihres Arbeitslebens weiter. Das ist umso bedrohlicher, als heute nicht mehr gilt, dass die Jungen automatisch besser ausgebildet sind als die Älteren. Zwar steigt der Anteil derer, die studieren, wenn auch nicht so wie in anderen Ländern. Aber auch der Anteil derer ohne Schul- und Berufsabschluss wächst in letzter Zeit wieder. Das hängt eng damit zusammen, dass die Gruppe der Migrantenkinder stetig größer wird. Mangels effektiver Integration schneiden sie in der Schule schlechter ab und machen im Schnitt niedrigere Abschlüsse als ihre mit der deutschen Sprache groß gewordenen Kameraden. Es spricht Bände, dass mittlerweile die Wirtschaft selbst darauf dringt, auch weniger erfolgreichen Lehrlingen auf breiter Front mit Nachhilfeunterricht und Sozialpädagogen den Weg zum Gesellenbrief zu ebnen.

Verschärft wird die Lage durch die demographische Entwicklung. Schon 2020 werden wir statt gut zwölf nur noch zehn Millionen Schüler haben. Unterm Strich geht Deutschland also die wichtigste Ressource, das Humankapital, aus. Hinzu kommt – am anderen Ende der Alterspyramide – die längerer Lebensarbeitszeit. Je länger der Einzelne arbeitet, umso gravierender für die Wirtschaft als Ganzes ist es, wenn sein Wissen veraltet.

Viel mehr als bisher braucht man daher eine Förderung für Menschen, die Schulabschlüsse nachholen oder in späteren Jahren noch eine Berufsausbildung machen. Insoweit klagt die SPD zu Recht die zweite und dritte Chance ein. Einen Rechtsanspruch jedoch, wie ihn Sozialdemokraten wünschen, braucht es nicht. Überfällig ist aber, die Rolle der Bundesanstalt für Arbeit zu hinterfragen. Denn selbst der nationale Bildungsbericht von Bund und Ländern kommt zu dem Schluss, die Anstalt erfülle ihre Aufgabe, Problemgruppen zu qualifizieren, nicht.

Gewiss, auch die Wirtschaft ist aufgerufen, mehr weiterzubilden. Doch wie das jahrelange Drama am Lehrstellenmarkt gezeigt hat, ist sie nicht in der Lage, Bildungsprobleme langfristig anzugehen. Es liegt in der Natur des Betriebs, Qualifikation abzufragen, wenn sie gebraucht wird. Volkswirtschaftlich ist es dann im Zweifel zu spät. Deshalb ist der Staat in der Pflicht. Endgültig vorbei sollte also die Zeit sein, wo „Weiterbildung“ nur nach überflüssigen Programmen mit langweiliger Computerschulung und Englisch für Fortgeschrittene klingt. Unterm Strich rechnet es sich für Bund und Länder, Bildungsnachzüglern weitere Chance zu geben und zugleich Geld in die regelmäßige Auffrischung des Wissens aller zu stecken. Agiert der Staat hier zu knauserig oder ineffizient, zahlt schon bald die Wirtschaft die Zeche. Das wiederum darf sich der Staat nicht leisten.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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