Weltbanktagung
Hoffnungswerte

Zeiten der Krise sind auch Zeiten der Diplomaten. Diplomatie in ihrer besten Form überbrückt Gegensätze - auch dann und dort, wo sie scheinbar nicht zu überwinden sind.

Auf dem Treffen von Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF) und bei der parallel tagenden Gruppe der sieben führenden Industrienationen (G-7) zeigt sich die Diplomatie in diesen Tagen von ihrer sinnstiftenden Seite. Die ersten Ergebnisse der Treffen von Dubai sind ermutigend - mehr aber auch nicht. Ein Wechsel auf die Zukunft.

Als die Weltbank 1999 nach dem von gewalttätigen Demonstrationen überschatteten Jahrestreffen in Prag entschied, das nächste nicht in Washington stattfindende Treffen nach Dubai zu legen, konnte niemand ahnen, wie signifikant diese Wahl einmal sein würde. Seinerzeit sorgte man sich vor allem darüber, ob ein solches Mammut-Treffen überhaupt im Nahen Osten ausgetragen werden könne. Heute erweist sich die Ortswahl gerade deshalb als bedeutsam, weil sich das geopolitische wie das ökonomische Wohl und Wehe der Weltgemeinschaft in den kommenden Jahren im Nahen Osten mit seinen multiplen Krisenherden entscheiden wird.

Es ist daher nur logisch, dass die Diplomaten und ihre politischen Meister trotz großer Meinungsverschiedenheiten - vor allem zwischen Amerika und Europa vor allem die Gemeinsamkeiten betonen. Die Vertreter von IWF, Weltbank und G-7 haben darüber hinaus großen Wert auf thematisch und geographisch allumfassende Entscheidungen gelegt. Sie wollen dabei helfen, die in Cancun so demonstrativ gescheiterten Welthandelsgespräche wieder in Gang zu setzen. Sie werden dem Irak, der in Dubai seinen ersten offiziellen Auftritt nach dem Ende des Krieges hatte, sie werden Afghanistan und den Palästinensern finanzielle Hilfe zukommen lassen. Sie haben Argentinien eine neuen Kredit zugesagt - das Land selber will heute Vorschläge zur Umschuldung seiner Verpflichtungen gegenüber privaten Schuldnern unterbreiten. Die Entwicklungshilfe soll bis 2015 auf 100 Milliarden Dollar verdoppelt werden. Die G-7 Länder haben sich in Dubai zu einem Wachstumspakt entschlossen, den es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Jeder G-7 Staat verpflichtet sich darin, seine Reformhausaufgaben zu machen - um so dem Weltwirtschaftswachstum auf die Beine zu helfen und Unausgewogenheiten zu überwinden.

All dies zeigt: Die Weltgemeinschaft ist nach nahezu zwei Jahren des giftigen Gegeneinanders offenbar auf dem richtigen Weg allumfassender Kooperation. Doch man ist bisher nur einige wenige Schritte gegangen, ein verschwindend kleines Stück auf einer langen Strecke zu einem Ziel - einer neuen Weltordnung, mit der sich nicht nur die Reichen und Mächtigen identifizieren können, sondern auch die sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländer. Dies kann aber nur dann gelingen, wenn alle Beteiligten wirklich an nachhaltigen Reformen und Lösungen interessiert sind. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, bleiben auch nach den Tagen in Dubai kritische Fragen und Anmerkungen.

Der G-7 Wachstumspakt nennt weder konkrete Zielverpflichtungen noch einen Zeitplan. Die künftige Rolle von UN, IWF und Weltbank sind unklar. Die reichen Nationen geben jährlich soviel Subventionen an ihre Landwirte wie alle Staaten in der armen Sub-Sahara-Region gesamtheitlich erwirtschaften. Ein Ende dieser unseeligen Praxis ist nicht in Sicht. Und für den Irak wie für den israelisch-palästinensischen Konflikt ist keine Lösung absehbar. Zwar wird hinter verschlossenen Türen nun, nachdem die Weltwirtschaft beginnt sich zu erholen, offen und kritisch über die eigenen Defizite und die anderer Staaten gesprochen.

Aber: Wie nachhaltig ist diese Offenheit? Und: Ist sie ziel- und lösungsorientiert? Vor allem aber: werden den Worten der vielen Tagungen auch Taten folgen - etwa bei der Irak-Geberkonferenz in Madrid? Ist Deutschland wirklich bereit zu schmerzhaften Einschnitten? Bemühen sich Amerika und Europa um einen echten, ausbalancierten, umfassenden Frieden in den Krisengebieten des Nahen Ostens? Viele dieser Fragen können heute nicht, nur vage und selten positiv beantwortet werden.

Wir leben in einem Zeitalter eng miteinander vernetzter lokaler Ökonomien und unauflösbar verwobener geopolitischer Konfliktfelder. Es ist so banal wie unzweifelhaft richtig: Alles hängt von allem ab. Nur wenn politische Konflikte gelöst sind, kann die Wirtschaft das Geld für globale Problemlösungen verdienen. Mehr als Worte erfordert die Situation in der idealsten aller Welten also dies: Staats- und Regierungschefs, die verstehen und akzeptieren, dass nationale Egoismen zurückstehen müssen hinter einem ganzheitlichen, nicht von kurzfristigen lokalen polit-taktischen Erwägungen bestimmten Lösungsansatz. Diplomatie und Politik haben noch viel Arbeit vor sich, bis aus dem Wechsel auf die Zukunft eine realistische Chance wird. Hoffnungen sind schon zu oft enttäuscht worden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%