Weltkonjunktur
Stabwechsel mit Risiken

Die neue ökonomische Geographie“ heißt das Thema, wenn sich die wichtigsten Notenbanker der Welt am Wochenende im Ferienort Jackson Hole in den Rocky Mountains treffen.

Der Titel hat durch die sich abzeichnenden Verschiebungen in der Weltwirtschaft eine überraschende Aktualität gewonnen. Erstmals seit vielen Jahren wächst die Wirtschaft in der Euro-Zone stärker als in den USA. Gestern erst hat der IWF seine Prognose für Deutschland auf zwei Prozent erhöht. Auch Japan hat seine Depression überwunden, und China und Indien stehen bereits in den Startlöchern, um in der globalen Wirtschaft eine führende Rolle zu spielen. Zugleich hat die bisherige Konjunkturlokomotive Amerika an Zugkraft verloren. Das Wachstum hat sich dort zuletzt auf nur noch 2,5 Prozent abgeschwächt.

Für all jene Ökonomen und Politiker, die jahrelang über die globalen Ungleichgewichte geklagt haben, sind das gute Nachrichten. Entspricht der Trend doch genau jenem Szenario, das die Weltwirtschaft aus ihrer Schieflage holen soll. Wenn Amerika weniger stark wächst und dafür andere Regionen in die Bresche springen, wird sich das Handelsdefizit der USA von mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts abbauen. Dadurch würde auch das Risiko eines rapiden Dollar-Falls sinken.

Mit anderen Worten: Der Stabwechsel an der Spitze würde der Weltwirtschaft eine weiche Landung bescheren. Bedenkt man, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) noch vor einem halben Jahr die globalen Ungleichgewichte als eines der größten Konjunkturrisiken gebrandmarkt hat, ist das fast zu schön, um wahr zu sein. Und genau das ist das Problem dieses Szenarios. Es enthält zu viele Hoffnungswerte und berücksichtigt zu wenige Risiken.

Zunächst ist es keineswegs sicher, dass der Abschwung in Amerika nicht doch noch in eine Rezession mündet. Das berüchtigte „R-Wort“ ist an der Wall Street bereits wieder in aller Munde. Die bisherigen Zinserhöhungen der US-Notenbank haben das Wachstum bereits unter die Drei-Prozent-Marke gedrückt. Bricht der taumelnde Immobilienmarkt zusammen, könnte die Wirtschaft schnell zum Stillstand kommen. Der dramatische Einbruch der Hausverkäufe im Juli zeigt, wie brenzlig die Lage ist. Viele Verbraucher verzichten bereits auf größere Anschaffungen, die Bauindustrie bekommt immer weniger Aufträge. Robert Shiller, Wirtschaftsprofessor in Yale und Prophet des Börsen-Crashs 2000, hält eine Rezession angesichts der prekären Lage auf dem Immobilienmarkt für „wahrscheinlich“.

Käme es dazu, würde die Weltwirtschaft ihren bisherigen Wachstumsmotor verlieren. Dass Europa oder Asien diese Lücke füllen können, erscheint momentan mehr als fraglich. Der jüngste Wachstumsschub in Europa kommt zwar zum richtigen Zeitpunkt. Doch die guten Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es die Euro-Zone bislang nicht vermocht hat, ihr Wachstumspotenzial nennenswert zu steigern. Mit etwa zwei Prozent liegt es immer noch mehr als einen Prozentpunkt unter den Möglichkeiten der amerikanischen Wirtschaft. Ein größeres Leistungsvermögen ist jedoch die Voraussetzung dafür, dass Europa auch dauerhaft einen größeren Beitrag zum weltweiten Wachstum liefern kann. Die bislang aufgeschobenen Strukturreformen – Öffnung des Dienstleistungssektors, mehr Innovationen, Aufbau einer Wissensgesellschaft – bleiben unabdingbar.

Der Handlungsdruck auf die Europäer ist auch deshalb so groß, weil die Länder Asiens noch weniger in der Lage oder willens sind, die Konjunkturlokomotive USA abzulösen. Der Wachstumseinbruch in Japan im zweiten Quartal zeigt, wie zerbrechlich der Aufschwung dort ist. China und Indien holen zwar mächtig auf, sind aber noch nicht so weit, um den globalen Karren zu ziehen. Ob es zu einem glatten Stabwechsel in der Weltwirtschaft kommt, hängt also ganz entscheidend davon ab, ob die USA eine Rezession vermeiden können und ob Europa seine Wachstumskräfte mobilisiert. Die Vergangenheit macht wenig Hoffnung. Meist ist Europa einem Abschwung in den USA gefolgt. Bis auf weiteres gilt deshalb die Faustregel der Ökonomen: Wenn Amerika einen Schnupfen hat, liegt der Rest der Welt auf der Intensivstation.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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