Weltwirtschaftsforum: Schein-Autoritäten am Zauberberg

Weltwirtschaftsforum
Schein-Autoritäten am Zauberberg

Was der "Davos Man" im Brustton der Überzeugung alljährlich in Foren und auf Partys verkündet, ist schnell Schnee von gestern.

DavosVergangenes Jahr starrte Davos noch auf den Crash von 2008, die Krise. Doch die war schon fast vorbei. Milder Optimismus schwebte durch das Kongresszentrum und die Champagner-Partys. Niemand sah die PIIGS-Schuldenkrise, die just hinter den Bergen lauerte. Alles sei gut, verkündete der griechische Premier Papandreou auf dem Weltwirtschaftsforum: "Wir haben unsere Schulden im Griff."

Und dieses Jahr? Davos-Veteranen erinnern sich an eine andere hübsche Voraussage: "In zwei Jahren", beschied Bill Gates den Gästen, "wird das Spam-Problem gelöst sein." Das war 2004, heute sind die E-Mail-Fächer voller als je zuvor. Die klügsten Menschen der Welt, die auf dem Weltwirtschaftsforum wieder versammelt sind, haben also eine Treffsicherheit wie ein Bauer: "Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt, wie's ist."

Weshalb die Oldtimer, die schon vor zwanzig Jahren dabei waren, eine Theorie entwickelt haben, die nur noch ein paar Computerläufe braucht, um in die Nobelpreis-Zone vorzustoßen. Das ist der "Umgekehrte Zwei-Jahres-Frühindikator", kurz "UmZweiFrüh". Er besagt: Was in Davos gerade als 24-Karat-Konsens etabliert wird, ist zwei Jahre später Makulatur; das Gegenteil ist wahr. Jüngster Beleg: 2009 fiel so manche Champagner-Party aus - zumal die von Goldman Sachs und Co. Weltwirtschaftskrise II glotzte aus der Kristallkugel.

Heute boomen Schwellenländer und Welthandel, Amerika wächst mit 2,6 Prozent, Deutschland mit über drei.

Die hohe Treffsicherheit des "UmZweiFrüh" gilt seit zwanzig Jahren. 1993 war Mexiko das "China" der westlichen Hemisphäre; zwei Jahre später kam der "Mexican Bail-out". 1995 wurden in Davos die asiatischen Tiger gefeiert, 1997 standen sie vor dem Abgrund. Die Schuldenquote der vier größten war von 100 auf 170 Prozent des BIP hochgeschnellt.

Wieder zwei Jahre später: 1999 schwebten die Dotcom-Milliardäre als neue Herrscher des Finanzuniversums über die Davoser Promenade. 2001, nach dem Platzen der Blase, grüßte sie niemand mehr. Ihr Schlachtruf "Wachstum schlägt Rendite" war out und vorbei. Allerdings rutschte die US-Wirtschaft nicht wie gemunkelt in die Krise, sondern stolperte nur kurz. 2001 fiel das Wachstum unter ein Prozent, dann stieg es stetig bis 2007, im längsten Boom der amerikanischen Geschichte (Beginn: 1992). Dennoch triumphierte der französische Premier Laurent Fabius auf dem WEF 2001: "Europa ist wieder da!" Doch nicht mit erneuertem Wachstum, sondern mit einer Stagnation, die zum Beispiel Deutschland die höchste Arbeitslosigkeit seit Geburt der Bundesrepublik verschaffte.

Gegen Ende des Nullwachstums machte sich in Davos eine neue Heldenrasse breit - aus dem Stamme der Investmentbanker und Private-Equity-Kapitalisten. Doch nach dem Crash wagten sie es nicht mehr, sich im Belvedere-Hotel, dem Party-Hauptquartier, zu zeigen. Während des WEF 2009 blieb Lloyd Blankfein von Goldman Sachs klugerweise in New York. Doch 2010 verzeichneten die überlebenden Investmentbanken (Goldman, Morgan Stanley) Rekordprofite.
In diesem Jahr ist wie im Vorjahr wieder "Zehn-Prozent-China" angesagt. Und Indien. Mithin steht der größte Test der "UmZweiFrüh"-Theorie bevor. Wenn es 2013 in China kracht, hat die Theorie die Feuerprobe bestanden. Dann hagelt es Dissertationen von Wharton bis zur Sloan Business School von MIT.

Dennoch sind solche historischen Statistiken nur das Rohmaterial. Eine Theorie muss her, welche die Korrelationen nicht nur registriert, sondern auch erklärt. Wieso liegen die klügsten und reichsten Menschen der Welt immer wieder falsch oder sehen nicht, was sich zusammenbraut? Warum zerbröckelt der viel zitierte "Davos-Konsens" nach acht Quartalen?

Weil der Mensch, mit oder ohne MBA, ein Herdentier ist. Die "elektronische Herde" ist ein Dauergast auf den Märkten - wie ihr Urvater es schon während des holländischen "Tulpenwahns" war, als 1637 für drei Zwiebeln 30 000 Gulden geboten wurden.

Die Spekulation - die Hoffnung auf reiche Rendite - baut Wolkenkratzer, aber auch den Turm von Babel. Und da die Menschen nie in die Zukunft blicken können, hören sie, was die anderen sagen, und laufen mit. Warum aber ausgerechnet in Davos? Weil jeder Davosianer eine unsichtbare Plakette trägt: "Ich bin eine Autorität." Es sind ja die Erfolgreichsten, die sich alljährlich am Fuße des "Zauberbergs" versammeln. Wenn die es nicht wissen, wer dann? Da muss auf kleinstem Raum der Hype gedeihen, umso mehr, als Hundertschaften von Journalisten bereitstehen, die das knappste Gut überhaupt feilbieten: Aufmerksamkeit. Wer "Na ja, vielleicht" ins Mikrofon spricht, wird ignoriert wie ein vertrocknetes Canapé.

Dies ist die eine Voraussage aus Davos, die kein Verfallsdatum hat. Die zweite: Im kommenden Jahr wird Davos noch voller sein. Hundert Prozent!

Der Autor ist Herausgeber der "Zeit". Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB
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