Weltwirtschaftsgipfel
Die Schwellenländer: Mitglieder oder Lunchgast der G8?

Die Führer der G8 haben mit ihrem Treffen in Hokkaido nicht die beabsichtigte beruhigende und stabilisierende Wirkung erzielt.
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Man erwartete von ihnen klare Aussagen zum Wachstum, zum Ölpreis, zum Klimaschutz und den Nahrungsmittelpreisen. Ihre Erklärung zeugt von Besorgnis, lässt aber auch ihre kollektive Machtlosigkeit erkennen.

Die Weltwirtschaft hat in den vergangenen zehn Jahren eine Phase starken Wachstums um vier Prozent jährlich und eine allgemeine Konvergenz hin zur Preisstabilität erlebt. Der Anstieg der Rohstoffpreise hat zu einem Wachstum mit Geschwindigkeitsbeschränkung geführt. Im Energiesektor und in der Landwirtschaft sind die Kapazitäten voll ausgelastet. Wenn unter diesen Bedingungen die Nachfrage zunimmt, steigen die Preise weiter und lösen einen allgemeinen Inflationsschub aus. Die schwächsten Bevölkerungsteile verarmen, und gleichzeitig findet ein Mitteltransfer von den Konsumenten zu den Erzeugern statt.

Wie soll man auf diese Situation reagieren? Zuallererst muss durch Angebotspolitik die Produktionskapazität gestärkt werden. Denn die Beschränkungen sind nicht absolut. Beim Erdöl ist der Engpass eher politisch als geologisch bedingt, und Ersatzenergien können entwickelt werden. In der Landwirtschaft ist zwar die nutzbare Fläche begrenzt, doch Reformen der nationalen Agrarpolitik, Öffnung für den Handel und technische Modernisierung können die Produktion steigern. Das ist auch die Orientierung der G8.

Aber die acht teilnehmenden Länder repräsentieren nur ein Drittel der Energieerzeugung und der Getreideproduktion. Sie können beispielsweise die afrikanische Landwirtschaft zu modernisieren helfen, aber ein wirklicher Hebel steht ihnen nicht zu Gebote. Der zweite Teil einer Antwort müsste aus der Anpassung der Nachfrage bestehen. Hier hat man von der G8 vor allem Aussagen zu den Biokraftstoffen erwartet. Die reichen Länder sollen die Erzeugung von Biosprit nicht mehr fördern, weil seine Umweltbilanz zumindest fragwürdig ist und die Wirkung auf den Nahrungsmittelmarkt desaströs. In den vergangenen drei Jahren war allein das US-Programm verantwortlich für fast die Hälfte des Nachfrageanstiegs.

Aber während die Europäer sich zumindest in diese Richtung bewegt haben, zögern die USA, weshalb die G8 sich mit Allgemeinplätzen begnügt.

Bei Klimaschutz, wo ein eindeutiges Signal Wirkung auf die Schwellenländer gehabt hätte, bleibt jede Entscheidung Washingtons an die Bedingung einer Verständigung mit China und Indien gebunden. Darauf aber muss man warten, bis die neue amerikanische Regierung im Amt ist.

Es wird also noch dauern, bis die Politiken in Gang kommen, die das Angebot steigern und die Nachfrage umorientieren. Unmittelbar kann die Antwort auf die inflationäre Krise daher nur von einer Steuerung der globalen Nachfrage ausgehen, die darauf abzielt, den Anstieg auf ein Maß zu begrenzen, das mit den verfügbaren Ressourcen besser übereinstimmt.

Genau das würden die Zentralbank und die Regierung versuchen - wenn die Welt wie ein Land regiert würde. Da das nicht der Fall ist, steht jedes Land in der Versuchung, die Rohstoffpreise wie eine extern vorgegebene Größe zu behandeln, auf die man keinen Einfluss hat. Das hat sich gut in der vergangenen Woche gezeigt: Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat der Europäischen Zentralbank vorgeworfen, sinnlos das Wachstum zu gefährden, denn schließlich sei die Inflation ausschließlich importiert.

Aber man kann nicht behaupten, die EU sei eine wirtschaftliche Macht, und gleichzeitig verlangen, dass sie sich wie ein Zwergstaat verhält. Die EU stellt ein Viertel des weltweiten BIP, da ist es selbstverständlich, dass sie ihren Part bei der Steuerung der Nachfrage spielt. Die Frage ist nur, wer noch mitmacht. Denn seit 2000 stammen 80 Prozent des Nachfrageanstiegs bei Öl aus den Schwellen- und Entwicklungsländern. Die reichen Länder können alleine nicht mehr die weltweite Nachfrage bestimmen - ein radikaler Wandel im Vergleich zu den 70er-Jahren, als die ersten beiden Ölkrisen fast ausschließlich die Erzeugerländer und die Industriestaaten betrafen. Die Schwellenländer zeigen aber keine Eile, ihre Nachfrage zu dämpfen. Obwohl der Inflationsschock dort noch größer ist, zögern sie mit einer restriktiven Geldpolitik und wollen den Rohstoffpreisanstieg nicht voll auf die Verbraucher durchschlagen lassen. In China ist der Realzins bei null und die Inflationsrate bei acht Prozent. Die Verbraucher bezahlen nur 70 Prozent des echten Kraftstoffpreises. In vielen Ländern werden de Nahrungsmittel subventioniert und Agrarexporte beschränkt, was Preise künstlich senkt und die Nachfrage anregt.

Das Risiko besteht in einer Spaltung: Die Industrieländer verfolgen eine stabilitätsorientierte Politik, während die Schwellenländer sich lax verhalten, die Nachfrage anfachen und damit den Preisdruck noch verstärken. Unter diesen Umständen könnten die Industriestaaten die von den Schwellenländern ausgelöste Inflation nur bändigen, wenn sie ihr eigenes Wachstum stark bremsen.

Um das zu verhindern, ist eine internationale Abstimmung und Lastenteilung notwendig, was eine schwierige Aufgabe sein wird. Das G8-Treffen in Hokkaido hat jedenfalls so klar wie noch nie gezeigt, dass die G8 nicht mehr dazu in der Lage ist, die Probleme der Weltwirtschaft zu lösen, und dringend die großen Schwellenländer aufnehmen muss. Man redet darüber seit Jahren, kommt aber nicht voran. Dabei erwarten wir viel von ihnen - deshalb verdienen sie einen festen Platz am Tisch und nicht nur eine Einladung zum Mittagessen.

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