Wer macht Karriere?
Lebenslauflügen

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Sie kennen das sicher auch: Die geradlinige Karriere ist out. Künftig wechseln wir häufiger mal das Unternehmen, am besten auch die Branche, oder von der Wirtschaft in die Politik und wieder zurück. Zwischendurch ein paar Jahre Teilzeit oder Pause für die Erziehungsarbeit. Phasen der Arbeitslosigkeit oder der Selbstständigkeit sind auch eine Bereicherung. Patchwork-Karrieren – passend zu Patchwork-Familien – liegen im Trend, wir alle müssen ein Leben lang dazulernen, niemand geht mit dem Beruf in Rente, den er einmal gelernt hat.

Die Gründe für den Wandel sind schnell aufgezählt. Die Ansprüche an die soziale Kompetenz wachsen – da reichen fachliche Qualifikationen nicht mehr aus. Außerdem erfinden sich in vielen Branchen die Unternehmen alle paar Jahre neu. Daher ist der Blick über den Tellerrand gefragt. Flexibilität ist Trumpf, Betriebsblindheit kann sich niemand leisten.

Wir kennen diese Thesen. Seit ein paar Jahren werden sie immer wieder abgespult und durch die Medien gejagt. Jeder, der sie hört, nickt verständig, schließlich will man nicht als verbohrt und altmodisch gelten. Aber stimmt das alles überhaupt?

Schauen Sie sich doch einfach in Ihrer näheren Umgebung um. Welcher Ihrer Kollegen hat denn tatsächlich große Erfahrungen in anderen Unternehmen oder gar in anderen Branchen gemacht? Kennt Ihr Chef sich mit irgendetwas anderem aus als dem Fachgebiet, in dem er schon seit Jahren tätig ist? Und wer hat denn tatsächlich sein Berufsleben für ein paar Jahre unterbrochen oder zurückgefahren? Vielleicht Ihre Frau. Aber hat sie damit selber Karriere gemacht – oder doch eher Ihnen zur Karriere verholfen? Wie viele Kollegen kennen Sie, die Teilzeit arbeiten und aus dieser Position heraus den Sprung in den Chefsessel geschafft haben?

Natürlich gibt es immer Gegenbeispiele. Und sicherlich ist das Berufsleben heute bewegter als früher – und wird künftig noch bunter werden. Aber die große These von den exotischen, unterbrochenen, im Zickzack verlaufenden Karrieren – das ist wohl eher eine gewaltige Lebenslüge. Zumindest die Erwartung, dass diese Lebensläufe zum Erfolg führen.

Das zeigt sich auch im großen Rahmen. Wie viele Politiker haben das Zeug zum Unternehmer – oder umgekehrt? Auch dort bestimmen geradlinige Karrieren das Bild. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, war nicht immer bei der Deutschen Bank – stimmt. Aber er hat eine lupenreine Karriere in seiner Branche gemacht und war immer vom Investment-Banking fasziniert, dem wichtigsten Bereich seines heutigen Arbeitgebers. Allianz-Chef Michael Diekmann hat mal einen Reiseführer geschrieben. Ansonsten ist beruflich wenig über ihn bekannt – außer seiner Karriere bei der Allianz. Immerhin: Siemens hat jetzt notgedrungen einen Chef außerhalb des Konzerns gesucht – und tatsächlich einen Mann mit einer sehr wechselvollen Karriere gefunden. Vielleicht zeigt wenigstens er, dass sich Flexibilität lohnt.

Und wird das künftig sehr viel anders sein? Richtig ist, dass soziale Kompetenz immer mehr zählt. Heute müssen Chefs wenigstens überzeugend so tun, als seien ihnen ihre Mitarbeiter wichtig – sonst bekommen sie kein qualifiziertes Personal mehr. Im Kasernenhofstil lässt sich schon lange niemand mehr führen. Aber dass diese soziale Kompetenz künftig durch exotische Karrieren erworben wird, ist doch zu bezweifeln.

Wer daran glaubt, übersieht einen wichtigen Punkt: Karrieren werden nicht an besonders reife Persönlichkeiten verliehen wie ein Orden. Sie werden erkämpft. Und wer nur Teilzeit arbeitet, hat einfach weniger Chancen, Bündnisse für den Grabenkrieg zu schließen. Wer aus einer fremden Branche kommt, dem kann man viel schneller ein Bein stellen. Wer fachlich nicht hundertprozentig sicher ist, den kann man sehr hübsch vor die Wand laufen lassen. Deswegen haben die Fachleute – vielleicht nicht gerade die Fachidioten – immer noch die besseren Chancen. Und gerade weil die meisten Jobs sehr viel schwieriger geworden sind, ist es keinesfalls einfacher geworden, einen Mangel an Erfahrung schnell aufzuholen.

Fazit: Die „neuen“ exotischen Karrieren sind ein Märchen. Damit lässt sich beschönigen, dass heute jeder stärker als früher von Arbeitslosigkeit und damit Karrierebrüchen bedroht ist. Dass auch gute junge Leute mitunter lange brauchen, bis sie eine feste Stelle bekommen. Und dass die Kinderbetreuung in Deutschland trotz Ministerin von der Leyen immer noch miserabel organisiert ist und in dem Punkt de facto weiterhin die Frauen die Dummen sind.

Wer seine Karriere realistisch plant, wird daher auch künftig gerade aufs Ziel lossteuern und wenig nach rechts und links schauen. Ob solche Leute immer die besten Entscheidungen treffen, ist tatsächlich fraglich. Aber sie werden weiterhin den Ton angeben.

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