Wertvolle Kabelnetze
Gold in der Erde

Der Startschuss zum bundesweiten Aufbau eines Breitbandkabelnetzes im Jahr 1984 war eine der wichtigsten industriepolitischen Entscheidungen der letzten drei Dekaden. Doch die Zwischenbilanz fällt allenfalls gemischt aus. Ein Wettbewerb der Infrastrukturen findet bisher nicht ausreichend statt, weil das Kabel durch die künstliche Trennung der verschiedenen Netzebenen benachteiligt ist. So bleibt wertvolles Kapital ungenutzt, wenn die Politik nicht schnell die richtigen Weichen stellt.

Unsere Medienordnung wäre ohne das Fernsehkabel undenkbar. Anfang der 80er Jahre war absehbar, dass Satellitenprogramme aus allen Teilen der Welt nicht vor den deutschen Grenzen halt machen würden. Die Regierung Kohl und ich als verantwortlicher Minister wollten dieser TV-Invasion ein vielfältiges, aber hochwertiges Angebot von Programmen entgegen setzen. Dieses Ziel ließ sich nur durch den Aufbau der Breitbandkabelnetze erreichen. Das abgeschirmte Kupferkoaxialkabel ist auf Grund seiner physikalischen Eigenschaften für den Transport großer Datenmengen geeignet. Schon damals war den Experten klar, dass so ein leistungsfähiges Netz einmal zu einem wichtigen Standortfaktor für unser Land werden könnte.

Was ist nun aus den ehrgeizigen Erwartungen an das Kabel geworden? Das Kabel ist nach wie vor klarer Marktführer bei den Fernsehinfrastrukturen, und in Deutschland hat sich ein so reichhaltiges und hochwertiges Free-TV-Angebot entwickelt wie in keinem anderen Land. Soweit ist das Kabel eine Erfolgsstory.

Doch die Hoffnung, das Breitbandkabel könne auch als wichtiges Datennetz dienen, hat sich bei uns nicht erfüllt. Lediglich zwei Prozent der Internetnutzer surfen in Deutschland über das TV-Kabel, 97 Prozent über das DSL-Netz. In den Niederlanden gehen 38 Prozent über das Fernsehkabel ins Internet, in der Schweiz 35 und in den USA 54 Prozent.

Die Dominanz von DSL bei der Internetversorgung hat gesamtwirtschaftliche Konsequenzen: Es gibt in Deutschland keinen echten Wettbewerb der Infrastrukturen. Während in anderen Ländern DSL- und Kabelnetzbetreiber mit innovativen Produkten, gutem Service und niedrigen Preisen um die Kunden werben, gibt es bei uns nur den begrenzten Wettbewerb zwischen der Telekom und den Wiederverkäufern auf dem DSL-Netz. Die Folge lässt sich in der OECD-Breitbandstatistik ablesen. Deutschland liegt bei schnellen Internetanschlüssen auf Rang 18 – weit hinter den Niederlanden, der Schweiz und den USA. Ein besorgniserregendes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass breitbandige Datenverbindungen heute eine wirtschaftliche Schlüsselfunktion haben.

Doch warum hat das TV-Kabel in Deutschland nicht die Rolle als Breitbandinfrastruktur wie in anderen Ländern? Zwei Gründe liegen auf der Hand. Zum einen der späte Verkauf durch die Deutsche Telekom. Obwohl die EU schon 1998 den Verkauf der Kabelnetze empfahl, dauerte es bis zum Jahr 2003, ehe er vollzogen wurde. Kein Wunder, dass in der Zwischenzeit wenig passierte, um das Kabel für den Wettbewerb mit DSL aufzurüsten.

Zum anderen behindert die komplexe Struktur die Weiterentwicklung der Kabelnetze. Die einstmals sinnvolle Trennung in Verteilnetze und Hausnetze unter getrennter Kontrolle verbaut heute technisch fortschrittliche Lösungen für die Kabelkunden. Insbesondere das Angebot von Internet und Telefonie über das Fernsehkabel erfordert erhebliche Investitionen. Selbst wenn die großen Betreiber der Hausnetze gerade mehrere hundert Millionen Euro in die Modernisierung ihrer Netze stecken, versanden diese Investitionen häufig vor der Tür der Kunden. Entweder sind die Hausnetze veraltet, oder es fehlt die direkte Kundenbeziehung, um das neue Angebot zu vermarkten.

Wie stark sich diese Hemmnisse auswirken, lässt sich klar belegen: Wo beide Netzebenen in einer Hand liegen, ist der Anteil der Internetkunden, die sich für das Kabel entscheiden, um ein Vielfaches höher als bei zersplitterten Netzen. Bildlich ausgedrückt: Es liegt Gold in der Erde, aber es bleibt ungenutzt.

Den unbestreitbar positiven Folgen einer Integration der Netzebenen für die Breitbandversorgung halten Kritiker vermeintliche Risiken entgegen. Insbesondere der Wettbewerb um die Versorgung der Wohnungswirtschaft mit Fernsehsignalen und um den Betrieb von Kabelanlagen für die Wohnungsunternehmen sei gefährdet.

Doch in den großen und mittelgroßen Städten gibt es heute immer mehr Kabel-Newcomer, die den etablierten Kabelanbietern bei der Wohnungswirtschaft Konkurrenz machen. Unternehmen wie NetCologne und andere City-Carrier profitieren dabei von der wachsenden Verfügbarkeit günstiger Glasfaserleitungen. Ein monopolistisches Verhalten der Kabelnetzbetreiber ist unter diesen Umständen gar nicht möglich.

Auch im Verhältnis zu den Sendern ist keine Gefahr für den Wettbewerb erkennbar. In Folge der hohen Verfügbarkeit lokaler Glasfaserleitungen fallen die Markteintrittshürden für mögliche Herausforderer. Ein Kabelbetreiber kann es sich gar nicht leisten, Programmanbieter zu diskriminieren, weil er jederzeit damit rechnen muss, seine Kunden an Newcomer zu verlieren. Durch die Konvergenz – das Zusammenwachsen des Telekommunikations- und des Fernsehmarktes – haben sich die Wettbewerbsbedingungen verändert. Heute steht das Kabel nicht nur in Konkurrenz zu Satellit und terrestrischem Fernsehen, sondern auch zu den großen Telekommunikationskonzernen.

Ich würde mir wünschen, dass die politischen Entscheidungsträger von heute dieser Tatsache Rechnung tragen und faire Wettbewerbsbedingungen schaffen. Wir müssen die Trennung der Netzebenen überwinden, sonst drohen wir das volkswirtschaftliche Kapital Breitbandkabel zu verspielen. Viel Zeit bleibt dafür nicht.

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