Wiebes Weitwinkel
Der preußische Monarch tritt ab

Nach knapp zehn Jahren tritt der Bafin-Chef Jochen Sanio ab. Er kämpfte mit aller Kraft gegen die Krisen der letzten Jahre, musste sich aber seine eigenen Grenzen eingestehen.
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Mit seinem kahlen Schädel, seinen scharfen Gesichtszügen und seiner mitunter angespannten Körperhaltung wirkt er wie ein gealterter Cowboy. Geherrscht hat er wie ein aufgeklärter Monarch: sehr von sich selbst überzeugt, aber getrieben von einem preußischen Pflichtbewusstsein, auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern. Bezahlt wurde er wie ein deutscher Beamter - man musste seine Stelle aufbessern, um in dieser schwierigen Zeit eine kompetente Nachfolgerin zu finden.

Jochen Sanios letzte Tage als Präsident der Bafin, der Finanzaufsicht, sind angebrochen. In der Finanzszene war er respektiert, mitunter auch gefürchtet, seine Beziehung zu den Finanzministern, seinen Vorgesetzten, war nicht immer einfach, vor allem wenn die ebenfalls ein starkes Selbstbewusstsein hatten wie Peer Steinbrück. Im Ausland war er eine gewichtige Stimme, auch als unermüdlicher Botschafter deutscher Interessen.

Sein Leben als Beamter hatte er sich leichter vorgestellt. Aber als junger Jurist erlebte er bei der Finanzaufsicht in den 70er-Jahren die Pleite der Herstatt-Bank. Später in den 90ern, als Vizepräsident der Behörde, kämpfte er gegen die Göttinger Gruppe, die Anleger um Milliardenbeträge gebracht hat. Er sieht es bis heute als eine seiner größten Niederlagen an, dass er die Göttinger nicht stoppen konnte, weil seine Behörde nicht für sie zuständig war.

Als er vor knapp zehn Jahren Präsident der Bafin wurde, bekam er es gleich mit der Schieflage der Landesbank Berlin zu tun. Und dann mit der großen Finanzkrise: Wann immer ein Geldhaus wie die IKB oder die HRE in Schieflage geriet, war Sanio derjenige, der die Entscheidung treffen musste, unter welchen Voraussetzungen die Bank geöffnet bleiben durfte.

Es hat an ihm genagt, dass er die große Krise nicht früher erkannt hat und nicht wirksamer gegensteuern konnte. Auf ihrem Höhepunkt entfuhr es ihm einmal: „Ich habe Jahrzehnte dafür gekämpft, dass das ordentlich läuft - und jetzt ist alles im Eimer.“ Aber er hat weitergekämpft, in den letzten Jahren auch für seine Mitarbeiter in Bonn, als Pläne aufkamen, die Bafin der Bundesbank in Frankfurt zu unterstellen. Diese Pläne sind vom Tisch, so kann er ein geordnetes Haus hinterlassen - freilich auch eine Bankenszene, die wieder tief in der Krise steckt.

Sanio ist leidenschaftlicher Musikliebhaber - er radelt gerne morgens vor der Arbeit auf seinem Hometrainer und hört laut Beethoven dazu. „Meine Frau fragt mich dann manchmal, ob ich schwerhörig bin“, sagt er. Er liebt auch moderne Klassiker wie Strawinsky oder Chansoniers wie Robert Charleboi aus dem frankophonen Kanada, der Heimat seiner Frau. Er ist froh, dass er künftig mehr Zeit dafür hat. „Wenn du immer volle Pulle arbeitest, verblödest du ja“, sagt er. Ihm ist das sicher nicht passiert.

Es gibt Leute, die man schnell vergisst. Er gehört nicht dazu.

Kontakt zum Autor: wiebe@handelsblatt.com

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  • Ein blendender Jurist.

    Dass alle Beamten so bezahlt werden wie er, ist neu.

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