Wiebes Weitwinkel
Finanzwelt stolpert über ihre Formeln

Banken und Hedgefonds planen Geschäfte immer stärker auf Basis mathematischer Modelle. Doch in Krisenzeiten enttäuschen diese häufig mit ihren Vorhersagen. Stattdessen sollten Politprofis jetzt das Wahrsagen übernehmen.
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Die Menschen haben jahrtausendelang ihr Geld mit einer Mischung aus Intuition, gesundem Menschenverstand und ein paar Faustregeln angelegt. Dann kam vor wenigen Jahrzehnten die Mathematik dazu. Statt Kursverläufe einfach nur aufzumalen, gilt es seitdem, Trends mit Formeln zu beschreiben - in der Hoffnung, so auch die Zukunft berechnen zu können. „Trendfolger“ sind ein wichtiger Bereich der Hedge-Fonds-Branche. Die Mathematisierung der Finanzwelt geht aber noch weiter: Manche Versicherungsvorstände verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit dem Versuch, Risikomodelle zu verstehen. Und die Banken „modellieren“ ihre Risiken längst auch nach den Regeln der mathematischen Wissenschaft.

Was aber passiert, wenn es keine richtigen Trends mehr gibt? Wenn Wahrscheinlichkeiten nicht mehr zu berechnen sind, weil Ereignisse wie Bankzusammenbrüche oder politische Krisen die Märkte bestimmen? Es gibt zwar auch Methoden, Wahrscheinlichkeiten für seltene Ereignisse zu berechnen, aber die stoßen schnell an Grenzen. Deswegen hat sich schon zur großen Finanzkrise 2008 gezeigt: Wenn die Welt in Unordnung gerät, funktioniert die Mathematik nur noch schlecht.

Und genau das passiert jetzt mit der Euro-Krise erneut. Es lässt sich zum Teil auch an den schlechten Ergebnissen der Hedge-Fonds ablesen. Welche Folgen die Unberechenbarkeit - im wahrsten Sinne des Wortes - für Risikomodelle hat, lässt sich dagegen von außen kaum einschätzen.

Bedenklich ist nur, dass nicht nur für Banken, sondern auch für Versicherer diese Modelle eine immer größere Bedeutung bekommen, weil sie zunehmend die alten Daumenregeln zur Bestimmung des Eigenkapitals ablösen. Und ein erfahrener Finanzaufseher sagte neulich lapidar: „Immer dann, wenn solche Modelle angewendet werden, ist das Eigenkapital am Ende niedriger.“ Denn die Mathematik suggeriert einen Erkenntnisvorsprung, der höhere Risiken als annehmbar erscheinen lässt. Gerade Mathematiker warnen daher immer wieder davor, mathematische Modelle zu überschätzen. Die gute Nachricht ist: Die deutsche Finanzaufsicht (Bafin) achtet inzwischen sehr darauf, dass Entscheidungsträger den Modellen nicht blind folgen, sondern sie mit ihrem eigenen Urteilsvermögen überprüfen.

Im Grunde müssten aber Hedge-Fonds heute statt mathematischer Genies vor allem Experten beschäftigen, die politische Entwicklungen richtig einschätzen können. Nicht zufällig berichten meine Kollegen in New York, dass manche Fonds dort geradezu süchtig sind nach Einschätzungen der Entwicklungen in der Euro-Zone. Auch in London gibt es Hedge-Fonds-Manager, die sich tief in die europäische Wirtschaftsgeschichte einarbeiten und sehr genaue Vorstellungen zum Beispiel darüber entwickeln, wie unterschiedlich protestantische und katholische Länder funktionieren - oder auch nicht funktionieren. Denn es lässt sich kaum noch eine Wette auf irgendeine Kursentwicklung abschließen, bei der die Euro-Krise keine Rolle spielt.

Die gute Nachricht hier: Der Mensch ist eben doch nicht durch den Computer zu ersetzen. Denn „Quant“-Fonds, die allein auf Formeln beruhen und zum Teil sogar automatisch handeln, sind in Krisenzeiten schnell überfordert und erwirtschaften mit ungeheurem intellektuellem Aufwand häufig nur noch dürftige Ergebnisse.

Die schlechte Nachricht: Auch mit noch so viel menschlicher Intelligenz lassen sich politische Entwicklungen kaum im Voraus einschätzen. Geldanlage bleibt eben auch Glücksache - wie sie es seit Jahrtausenden schon ist.

Der Autor ist erreichbar unter: wiebe@handelsblatt.com

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  • "Wer den Wert seines Investments kennt, kennt auch sein Risiko." Im Finanzmarkt sind Wert, Risiko und Information äquivalent. Das Eine lässt sich in das Andere umrechnen. Wer hier behauptet, die Mathematik sei das Problem, scheitert schon an der Renditeberechnung seines eigenen Depots. Die Mathematik ist nicht das Problem, sondern wie Banken und Versicherungen Risiken berechnen, ist abenteuerlich. Wer weiss schon (oder will wissen), das der DAX® bis zu 25% spekulatives Kapital enthält, das nicht diversifiziert ist. Was übrigens die so genannten "Trendfolger" zu nutzen wissen, ohne es ahnen. Manchmal ist eben kein spekulatives Kapital mehr vorhanden, dann funktionieren auch Trendfolger nicht mehr.

  • Mathematische Risikomodelle beruhen auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, sie sind in gewisser Weise also Abbildung von Mehrheitsmeinungen, wenn es um menschliches Verhalten geht.
    Damit verursachen sie selbst ihre eigene Unzuverlässigkeit, je mehr Akteuere sich darauf verlassen.
    Denn der Erfolg ist nicht statistisch vorhersehbar, man minimiert lediglich das Risko bei schon Bekanntem und erhöht es damit ständig bei allem was sich ändert und damit allem Zukünftigen.
    Letztlich bewirken statistische Modelle eine Nivellierung auf langfristig niedrigem Niveau, unterstellt die Tendenz ginge dahin, dass fast alle diesen Modellen folgen.
    Es kommt darauf an, gegen die Herde die Zukunft richtig abzuschätzen und nicht mit der Herde, die diesbezüglich letztlich immer falsch liegt.
    Wenn Investitionsentscheidungen aufgrund statistischer Risikomodelle getroffen werden, so nimmt die Innovationsähigkeit ab, weil die Basis für eine Entscheidung schon bekanntes Wissen ist.
    Mathematische Modelle sind daher nur sehr bedingt tauglich.
    Das sie trotzdem erfolgreich angewendet wurden hängt stark mit den geldpolitischen Verwerfungen der Finanzmärkte zusammen, die das Risiko für mathematische Taschenspielertricks deutlich vermindert, aber das langfristige Gesamtrisiko erheblich erhöht haben.

    H.

  • @RM90
    Ich schließe mich Ihrer Kritik an und zweifle auch den Sachverstand des Autors an. Meine Kritik geht dahin, dass mathematische Modelle im Handel mit mathematischen Modellen in der aufsichtsrechtlichen Risikokontrolle gleichgesetzt werden. Wissen wir doch, dass selbst gute Modelle mit Wahrscheinlichkeiten von maximal 99 % arbeiten. Diesen Gedankengang auf die aufsichtsrechtliche Risikobeurteilung übertragen, werde ich an einen früheren Spruch eines sehr kompetenten Wirtschaftsprüfers erinnert:
    "Das Jahr hat ca. 200 Arbeitstage. An 99 % der Arbeitstage ist das Risiko der Bank im Rahmen. Nur an zwei Tagen im Jahr ist sie pleite."

    Zugegeben, sachlich passt es nicht ganz. Aber es bringt zum Ausdruck, dass die Überlebensfähigkeit einer Bank etwas völlig anderes ist als das Risikoprofil eines Handelsgegenstands.

    Wenn man den Vergleich zu früher sucht, dann heißt es nicht, dass die früheren Risikomodelle besser waren sondern es bringt zum Ausdruck, dass die früheren Vorstände in Kenntnis der Grobschlächtigkeit ihres Risikomanagements vorsichtiger agierten als die heutigen, die es auch nicht verstehen, aber ihren Modellen mehr glauben als ihrem Verstand.

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