Wirtschaftspolitik: Rückkehr des Sozialen

Wirtschaftspolitik
Rückkehr des Sozialen

Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, ist dafür zuständig, die Inflation unter Kontrolle zu halten. Mit diesem Job dürfte jeder noch so hervorragende Ökonom voll ausgelastet sein. Dennoch hat Bernanke ein neues Thema entdeckt: Die zunehmende Ungleichheit in seinem Land macht ihm Sorge.

Damit ist Bernanke das prominenteste Beispiel für einen Trend: Das „Soziale“ ist wieder ein Thema. In Deutschland ohnehin: Die CDU entdeckt ihr soziales Profil neu, sogar die FDP diskutiert darüber. Bei uns kommt in der Politik, das zeigt sich, mit Wirtschaft pur niemand über die Rampe. Überraschender ist, dass das Thema in der angelsächsischen Welt noch höhere Wellen schlägt. Die Gründe für den neuen Trend sind vielfältig. Zunächst ist er das Spiegelbild der ökonomischen Entwicklung: Die Gewinne wachsen wesentlich stärker als die Arbeitseinkommen. Stephen Roach, Chefökonom von Morgan Stanley und Handelsblatt-Kolumnist, weist darauf immer wieder mit großer Sorge hin. Hinzu kommt, dass die Gier der Manager-Kaste nach hohen Vergütungen Schlagzeilen macht, in den USA noch mehr als bei uns.

Auch die Schwellenländer liefern Denkanstöße: Dort hat sich gezeigt, dass rein ökonomische Konzepte nicht funktionieren. Ohne ein Mindestmaß an Infrastruktur, Sicherheit, medizinischer Versorgung und Bildung entsteht in keiner Schwellenregion der Welt Wachstum. Asien schafft den großen Sprung nach vorn, weil dort diese Erkenntnis beherzigt wird. Heute beschäftigen sich also sogar Ratingagenturen mit sozialen Fragen. Die Rückkehr des Sozialen ist daher die Rückkehr der Vernunft: Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Gesellschaft. Aber es liegt darin auch eine große Gefahr: „Rückkehr“ kann heißen, einfach wieder in überholte Denkmuster zu verfallen. Gerade in Deutschland ist diese Gefahr groß, weil bei uns „sozial“ schnell mit „Besitzstand wahrend“ verwechselt wird.

Bernanke sieht diese Gefahr auch für die USA. Die richtige Antwort auf soziale Probleme sei nicht mehr Protektionismus, also ein Abschotten der Märkte, sagt der Notenbankchef. Vielmehr gelte es, durch Bildung die Chancen besser zu verteilen. Diese Antwort passt auch auf Deutschland: Bildung, und zwar vom Kindergarten an, ist die richtige Reaktion auf unsere größten sozialen Probleme. Dabei geht es nicht nur darum, mehr Geld in diesen Bereich zu pumpen. Dennoch muss man sich klar machen: Deutschland hat zu wenig Kinder und gibt dafür auch noch zu wenig Geld aus. Das ist in hohem Maß unsozial – nur haben wir uns zu lange daran gewöhnt.

Auch in anderer Beziehung sollten wir „sozial“ neu definieren, um uns nicht in der Vergangenheit zu verlaufen. Dies nach der Devise: Chancen statt Schutz. Es ist nicht sozial, ältere Arbeitnehmer durch Gesetz oder Tarifrecht so gut zu schützen, dass sie niemand einstellen mag. Es ist auch nicht sozial, die Schaffung von Arbeitsplätzen so teuer und risikoreich zu gestalten, dass den Unternehmen die Lust dazu vergeht. Sozial ist hingegen, sich um Zielgruppen, etwa arbeitslose Jugendliche oder ältere Arbeitnehmer, zu kümmern und für diese maßgeschneiderte Angebote zu erarbeiten. Dafür muss dann auch Geld zur Verfügung stehen. Im Zweifel sollte der Staat dafür an anderer Stelle darauf verzichten, Besitzstände zu finanzieren. Sozial ist, Familien zu unterstützen: nicht mit Geld, sondern mit Kinderbetreuung, damit beide Eltern Geld verdienen können.

Die Rückkehr sozialer Themen spiegelt auch die Entwicklung der Wissenschaft wider, die Politik folgt ihr ja häufig mit Zeitverzug. Jahrzehntelang war John Maynard Keynes große Mode. Und damit der Glaube, der Staat müsse die Wirtschaft „ankurbeln“. Das nächste Paradigma war die harte liberale Theorie à la Milton Friedman und Friedrich August Hayek: Der Staat schafft im Zweifel Böses, jedenfalls im wirtschaftlichen Bereich. Heute ist Amartya Sen spannender. Die These des indischen Wirtschaftswissenschaftlers: Staat und Wirtschaft müssen sich ergänzen, beide sind aus ökonomischer Sicht wichtig. Er stellt sich quer zur alten Rechts-links-Diskussion, und er beruft sich dabei auf den berühmten Theoretiker Adam Smith: Der Schotte brachte Politikern und Kaufleuten gleichermaßen gesunde Skepsis entgegen. Und ist damit nach über 200 Jahren immer noch hoch aktuell.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%