Wolfowitz’ Ende
Washingtoner Heuchelei

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Am Ende war der Leidensdruck für alle Beteiligten so groß, dass einfach nur noch irgendeine Lösung hermusste. Also schrieben Weltbankgremien, der Anwalt von Paul Wolfowitz und die Emissäre der wichtigsten Regierungen das ins Kommuniqué, was den Weg freimachte: Wolfowitz habe in der Gehaltsaffäre um seine Lebensgefährtin in gutem Glauben gehandelt, auch die Weltbank-Gremien handelten in bester Absicht – aber am Ende machten dabei alle Fehler. Keiner ist an der Misere Schuld, aber gehen muss Wolfowitz dann doch, nämlich zum 30. Juni dieses Jahres. Das Pressestatement ist ein Ausbund an Diplomatie, Verschwiegenheit und Irreführung.

Was nicht in dem Papier steht, ist deshalb wichtiger: Wenn Wolfowitz gehen muss, weil er gegen die Richtlinien der Bank verstoßen hat, dann sollte dies benannt werden und dann müsste er für diese Verletzung gerade stehen. Doch dazu findet sich nichts. Wenn aber Wolfowitz gehen muss, weil er seinen Job schlecht gemacht hat, dann sollte zumindest dies gesagt und belegt werden und dann muss er wegen unzureichender Amtsführung gehen. Doch auch das findet sich nicht in dem Statement. Es finden sich viele freundliche Worte, die alle verhehlen, dass man sich im Grunde nicht mehr riechen konnte, dass das Tischtuch schon lange zerschnitten war.

Wolfowitz musste weg – und letztlich ist es wahrscheinlich für die Bank auch gut so –, weil er für diese Aufgabe ungeeignet war. Wolfowitz ist eben kein Robert McNamara, der als amerikanischer Kriegsminister in Zeiten von Vietnam ebenfalls zur Hassfigur avancierte, sich aber dann als Weltbank-Chef ab 1968 glaubhaft wandelte. Während McNamara in den 13 Jahren seiner Präsidentschaft geradezu eine Läuterung zelebrierte, blieb Wolfowitz in den zwei Jahren seiner Amtszeit das, was er immer war: Ein von sich und seinen Fähigkeiten ziemlich überzeugter Ideologe, der auf den Rat seiner Umgebung nur sehr begrenzt Wert legt. Hermetisch abgeriegelt, als säße er noch immer im Pentagon über irakischen Schlachtenszenarien, führte er die Bank. Einsam, zuweilen besessen, umgeben nur von seinen engsten Vertrauten. Doch als Weltbank-Chef sollte man tunlichst ein Kommunikator sein, geht es doch zuallererst um Menschen in diesem Job. Doch das war der Eigenbrötler Wolfowitz nie und das wäre er auch nie geworden. Wolfowitz ist kein McNamara.

Das also hätte man Wolfowitz oder besser: George W. Bush, sagen müssen. Und man hätte dies von Anfang tun müssen, noch bevor Bush 2005 Wolfowitz für den Posten vorschlug. Doch man tat es nicht, weil auch das gar nicht vorgesehen ist. Der Posten des Weltbank-Chefs wird nahezu freihändig vom US-Präsidenten vergeben. Das steht zwar nirgends so geschrieben, aber es ist jahrzehntelange Praxis. Während sich jeder noch so kleine Weltbank-Mitarbeiter einem zum Teil akribischen Auswahlverfahren unterwerfen muss, wird der Weltbank-Chef per Fingerzeig bestimmt. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Wenn es deshalb etwas aus dem Wolfowitz-Debakel zu lernen gibt, dann dies: Der Posten an der Spitze der Weltbank darf nicht zum Verschiebebahnhof werden.

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