ZDF-Sendung „Precht“
Gemeinsam gegen Google

Im ZDF sprachen Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und Philosoph Richard David Precht über Google, die Karnevalisierung von Daten und das Kommunistische Manifest. Am Ende waren sich beide ziemlich einig – leider.
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BerlinFür Handelsblatt Online eine Talksendung zu besprechen, deren einziger Gast der „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart ist – das ist nicht unheikel. Schließlich schreibe ich keine Gefälligkeitstexte, könnte aber auch kaum den Chef des Auftraggebers kritisieren. Andererseits, ich arbeite nicht in der Redaktion, habe mit Steingart überhaupt nichts zu tun, und wenn ich Talkshows bespreche, rezensiere ich ohnehin nicht die Ansichten der Gäste, außer wenn sie arg aus dem Rahmen fallen. Dass jeder, der im Fernsehen sitzt, Positionen seiner Partei, seines Arbeitgebers oder Interessenverbandes vertritt, versteht sich. Aufmerksamkeit verdient, wenn jemand es nicht tut. Es geht darum, ob die Sendungen Gäste sinnvoll ins Gespräch bringen, ihr im Titel formuliertes Ziel erreichen und das Einschalten sich gelohnt hat.

„Wer kontrolliert die digitalen Supermächte?“ heißt Prechts aktueller Sendungs-Titel. Steingart hat unter anderem in der von Frank Schirrmacher initiierten Digitaldebatte der „FAZ“ einen Text über das „neofeudalistische Google-Monopol“ geschrieben, an dem die klassischen Verlage aber auch selbst schuld seien. Darum dürfte es gehen, vielleicht um das Leistungsschutzrechtrecht für Verlage – ein nicht nur meiner Meinung nach diffuses, vor allem gegen Google gerichtetes Gesetz, zu dem deutsche Verlage die vorige Bundesregierung überredet hatten. Darüber ließe sich lange streiten, auch wenn es wegen seiner Schwammigkeit noch gar nicht angewendet wird.

Also, Richard David Precht und Steingart sitzen unter vielen grellen Scheinwerfern vor schwarzem Hintergrund an einem kleinen Tisch. Es sieht aus wie eine unangenehme Verhörsituation. Prechts langes Haar und sehr offenes Hemd verdecken erst mal, dass er (Jahrgang 1964) und sein Gesprächspartner (1962) fast gleich alt sind. „Wir sind ja beide aus der Nicht-Internet-Zeit“, sagt Steingart. Zur direkt „jungen Generation“, die wenig Wert auf Datenschutz lege, erwidert Precht, gehörten sie nicht mehr.

„Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst" – mit diesem vier Jahre alten, vielfach diskutierten Zitat des Google-Chefs Eric Schmidt startet Precht. Steingart warnt schon nach drei Minuten vor „typisch deutscher kulturpessimistischer Panikstimmung“. Sein hübsches Beispiel: die Verfügbarkeit des „Kommunistisches Manifests“. Früher, „in Pforzheim, Aschaffenburg oder Flensburg“, sei es schwierig zu besorgen gewesen. Heutzutage hat man es in einer Minute downgeloadet.

Die Überraschung der Sendung: Genau so eine Panikstimmung schürt schließlich Precht, Steingart tritt ihr mit Hinweis auf den „selbstbefreienden Aspekt des Internets“ zunehmend entgegen. Während Precht nicht anspricht, welche Rolle sein Gast als Vertreter eines Presseverlags inne hat, weist Steingart darauf hin, dass Google eine „Abzweigung der Werbeindustrie“ sei, in der die Verlagsgruppe Handelsblatt ebenfalls tätig ist, etwa als Eigentümer des Vermarkters iq media. „Dafür wollen wir auch ein bisschen was wissen über die Nutzer“, sagt er, bloß nicht so viel, wie Google wissen wolle.

Ob der Geschäftsführungsvorsitzende einer Verlagsgruppe der richtige ist, davor gewarnt zu werden, was jeder Jugendliche längst hunderte Male gehört hat – dass potenzielle Arbeitgeber dank des Internets Profile über ihn erstellen, womöglich auch direkt bei Google bestellen könnten –, ist zumindest zweifelhaft. Aber der Fernsehphilosoph legt in langen Sätzen unbeirrbar seine Meinung dar, doziert über Isaiah Berlin und das Freiheitskonzept der alten Griechen, und betont seine eigenen Schlüsselbegriffe scharf: „Mega-Server“, „Mündigkeit“, „Matrix“ lauten sie, letzteres vielleicht auch, weil die Bedeutung im Deutschen relativ diffus ist.

Doch hat Google wirklich „ganz konkrete Vorstellungen, wie Menschen in zehn, 20 oder 50 Jahren leben sollen“, geäußert? Gehören zu diesem künftigen „kompletten Wohlfühlbevormundungssystem“ gar „intelligente Tapeten“, die mit einem sprechen und ihre Empfehlungen auch noch, ausgerechnet, „ausdrucken“, wie Precht behauptet? Möchte Google in medizinischen Geräte von Siemens und General Electric Daten von Menschen in der Umgebung abrufbar machen, die medizinische Begriffe gegoogelt haben, wie Steingart sagt? Auch wenn Fernsehen kein Hypertext ist, in den sich Links einfügen lassen (wobei mit Einblendungen zu arbeiten für nicht live ausgestrahlte Sendungen möglich wäre): Belegstellen zu nennen, wäre schön gewesen.

Kommentare zu " ZDF-Sendung „Precht“: Gemeinsam gegen Google"

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  • Insgesamt eine der besseren Talksendungen. Es wurden zumindest einige der wirklichen Bedrohungen durch Big Data und die Monopolisierung im Internet angesprochen. Der Vergleich mit der Erobung Amerikas und dem Frühkapitalismus sind durchaus zutreffend.

    Während hierzulande die Diskussion um Leistungs- und Urhebrrechte einseitig im Sinne der Interessen großer Medienunternehmen geführt wird, die Millionen als Zwischenhändler verdienen wollen, und zu blöd sind zeitgemäße Preis- und Vertriebsmodelle zu entwickeln, wird das zentrale Thema noch nicht einmal im Ansatz erkannt. Sind persönliche Daten in der cloud oder geklaut oder beides. Wobei wir wieder am Anfang des Kapitalismus sind, als sich die entscheidenden Rohstoffe einfach angeeignet wurden. Mit Macht und ohne gesetzliche oder staatliche und damit soziale Grundlage.

    Da wirkt Steingarts Hoffen auf die in wenigen Ansätzen vorhandene Bewusstheit weniger Politiker schon seltsam. Schließlich wird gerade sein eigener Berufsstand durch den Wildwest-Datenkapitalismus in Monopolstrukturen ausradiert.

    Leider wurde nicht thematisiert, dass als Folge der Internetialisierung die Demokratie verschwinden wird und wir wieder in einer Form des Feudalismus landen werden. Die Vernichtung der Grundrechte und Ausradierung der Mitelschicht entzieht jeder Demokratie ihre Grundlage. Ein Gemeinwesen funktioniert eben nicht mit wenigen Ultrasuperreichen und einem Heer an superarmen. Das ist niemals staatstrageng bzw. Die Grundlage eines Gemeinwesens.
    (vergleiche hierzu die Analyse von Jason Lanier "Wem gehört die Welt").

    Die Demokratie hat damit einen zweiten sehr mächtigen Feind bekomme. neben der Konzentration des Kapitals nun die Konzentration der persönlichen Daten. Der erste Krieg ist nach Buffet schon entschieden. Wenn nun auch der Datenkrieg verloren geht werden wir uns dem Urzustand wieder annähern. Heil dem Politiker, der auch nur einen der beide Kriege führt und im Sinne der Mehrheit gewinnt.

  • Insgesamt eine der besseren Talksendungen. Es wurden zumindest einige der wirklichen Bedrohungen durch Big Data und die Monopolisierung im Internet angesprochen. Der Vergleich mit der Erobung Amerikas und dem Frühkapitalismus sind durchaus zutreffend.

    Während hierzulande die Diskussion um Leistungs- und Urhebrrechte einseitig im Sinne der Interessen großer Medienunternehmen geführt wird, die Millionen als Zwischenhändler verdienen wollen, und zu blöd sind zeitgemäße Preis- und Vertriebsmodelle zu entwickeln, wird das zentrale Thema noch nicht einmal im Ansatz erkannt. Sind persönliche Daten in der cloud oder geklaut oder beides. Wobei wir wieder am Anfang des Kapitalismus sind, als sich die entscheidenden Rohstoffe einfach angeeignet wurden. Mit Macht und ohne gesetzliche oder staatliche und damit soziale Grundlage.

    Da wirkt Steingarts Hoffen auf die in wenigen Ansätzen vorhandene Bewusstheit weniger Politiker schon seltsam. Schließlich wird gerade sein eigener Berufsstand durch den Wildwest-Datenkapitalismus in Monopolstrukturen ausradiert.

    Leider wurde nicht thematisiert, dass als Folge der Internetialisierung die Demokratie verschwinden wird und wir wieder in einer Form des Feudalismus landen werden. Die Vernichtung der Grundrechte und Ausradierung der Mitelschicht entzieht jeder Demokratie ihre Grundlage. Ein Gemeinwesen funktioniert eben nicht mit wenigen Ultrasuperreichen und einem Heer an superarmen. Das ist niemals staatstrageng bzw. Die Grundlage eines Gemeinwesens.
    (vergleiche hierzu die Analyse von Jason Lanier "Wem gehört die Welt").

    Die Demokratie hat damit einen zweiten sehr mächtigen Feind bekomme. neben der Konzentration des Kapitals nun die Konzentration der persönlichen Daten. Der erste Krieg ist nach Buffet schon entschieden. Wenn nun auch der Datenkrieg verloren geht werden wir uns dem Urzustand wieder annähern. Heil dem Politiker, der auch nur einen der beide Kriege führt und im Sinne der Mehrheit gewinnt.

  • Fürs Puntila QM nachgebessert:

    Prescht argumentierte in der Sendung jedenfalls dünnbrettig.

    Es wäre unfair: ihm das für alle Zeiten weiter attestieren zu wollen.

    Aber schade war es schon, ein solches Thema dermaßen an der Oberfläche plätschern zu sehen.

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