Zentralasien
Das neue Große Spiel

Zentralasien und der energiereichen Region rund um das Kaspische Meer droht die Wiederholung des so genannten Großen Spiels: der Schlacht der Weltmächte um die Vorherrschaft über die dortigen reichen Rohstoffschätze.

Der Tod des Turkmenbaschi, des turkmenischen Diktators, und die am 11. Februar folgende Präsidentenwahl bilden den Startschuss. Denn Russland wird mit aller Macht für den Erhalt des Status quo kämpfen, während der Westen Änderungen im Armenhaus am Kaspischen Meer erreichen will. Denn bislang hat Turkmenistan sein exportierbares Erdgas ausschließlich an Russland verkauft und nur zur Durchsetzung von Preiserhöhungen Moskau hin und wieder mit Alternativen gedroht. Russlands staatlich kontrollierter Monopolist Gazprom kann mit dem billigen turkmenischen Gas das teure Erschließen neuer Vorkommen im Eismeerschelf aufschieben. Die Gasschätze Turkmenistans decken nicht nur den steigenden russischen Inlandsbedarf, sie bescheren durch den Weiterexport in den Westen auch Devisen.

Aber auch der Westen will bei der Suche nach einer Alternative zum Gaslieferanten Russland am Kaspischen Meer fündig werden. Und angesichts dieser Gemengelage bedarf es einer filigranen Diplomatie, um dies erreichen zu können. Um Turkmenistan den Fängen des russischen Bären zu entreißen, sollte der Westen zunächst auf allzu laut vorgetragene Forderungen nach einem raschen Regimewechsel verzichten. Denn mit Blick auf die verkrusteten autoritären Strukturen lässt sich eine Demokratisierung des zentralasiatischen Landes ohnehin nicht binnen zweier Monate bewerkstelligen. Aber man kann der künftigen Regierung in Aschgabad deutlich machen, dass ein größerer Kreis von Gaskunden finanziell allemal attraktiver ist, als sich nur auf einen Monopolisten zu stützen. Und dies könnte vor allem dann gelingen, wenn westliche Konzerne dem technologisch vollkommen unterentwickelten Land beim Ausbau der Gasindustrie helfen und somit langfristige Gewinne anbieten.

Das Verhalten gegenüber Turkmenistan kann für das gesamte Zentralasien von beispielhafter Bedeutung sein. Denn auch im benachbarten Usbekistan steht der Sturz oder die Nachfolge eines ebenfalls kränkelnden Diktators an. In Aserbaidschan hat mit Ilham Alijew bereits der Sohn eines verstorbenen Staatschefs dessen Amtsgeschäfte geerbt und führt das Land immerhin ohne politische Exzesse. Turkmenistans Nachbarn bestehen vor allem auf dem Selbstbestimmungsrecht der örtlichen Eliten. Dies wird der Trumpf sein in der Neuauflage des Großen Spiels. Und der Kreml wird jederzeit bereit sein, ihn auszuspielen. Denn auch Russland ist schließlich keine Musterdemokratie, sondern eher auch ein Staat mit einer Elitenherrschaft.

Der Westen wird, wenn er das Spiel um Zentralasien denn gewinnen will, dieses Zugeständnis ebenfalls machen müssen. Das klingt zynisch. Aber die Lage in befreundeten Ländern, wie beispielsweise Saudi-Arabien, ist schließlich auch alles andere als demokratisch geprägt. Und mit einer effizienten, mit westlichem Know-how ausgebauten Industrie wäre auch Turkmenistan mehr gedient als mit moralischen Appellen. Es geht um Realpolitik.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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