Zertifikate
Initiative zeigen!

Es gibt viele Bereiche einer Bank, in denen man im Moment nicht arbeiten möchte. Das Zertifikategeschäft gehört sicher dazu.

Als sei die Gemengelage aus miesem Börsenumfeld und Umsatzeinbußen durch die für Zertifikate negative Übergangsregelung zur Abgeltungsteuer nicht schlimm genug, zwingt die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers der Branche nun eine öffentliche Generaldebatte auf, die das Geschäft zusätzlich hemmt.

Schlagartig ist vielen Anlegern erst jetzt bewusst geworden, dass Zertifikate nicht nur ein Marktrisiko haben, sondern - ähnlich wie Anleihen - auch von der Bonität der ausgebenden Bank abhängen. Von Anlegerschützern und Finanzexperten hagelt es deswegen Kritik an den Boomprodukten. Selbst der einstige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper erklärte jüngst vor Millionen Fernsehzuschauern, er würde nie im Leben Zertifikate kaufen.

Nicht nur seinem ehemaligen Arbeitgeber als Zertifikate-Marktführer in Deutschland sind Koppers Bemerkungen übel aufgestoßen. Branchenweit regt sich Widerstand gegen die öffentliche Hinrichtung von Zertifikaten. Und zwar nicht ganz zu Unrecht. Die aktuellen Turbulenzen stehen im Kontext einer beispiellosen Finanzkrise. Darunter leiden Zertifikate nicht mehr als andere Anlageformen. Wer Aktien oder Anleihen von Lehman gekauft hat, ist damit auch nicht glücklich geworden.

Der Unterschied ist nur, dass Zertifikate von viel breiteren Anlegerschichten gekauft werden, die die Risiken oft nicht durchschauen. Zu leicht lassen sich Anleger von hohen Renditeaussichten oder Sicherheitsversprechen locken, der Blick auf Risiken oder Tücken der einzelnen Zertifikatestrukturen kommt vielfach zu kurz.

Richtig eingesetzt sind viele Zertifikate eine Bereicherung für Investoren, weil sie ihnen zahlreiche Optionen eröffnen, die herkömmliche Wertpapiere nicht bieten. In der aktuellen Debatte spielt das aber keine Rolle. Stattdessen kommen bekannte Probleme wie das überdimensionierte Produktangebot erneut aufs Tapet.

Will sich die Branche retten, muss sie viel tun, um die Glaubwürdigkeit wieder aufzubauen. Die Komplexität von Zertifikaten bedingt eine noch intensivere Aufklärung der Anleger. Wer Zertifikate kauft, muss wissen, dass sich deren Rückzahlung meist nicht exakt nach der Kursentwicklung des Basiswertes richtet, sondern an komplizierten Bedingungen hängt. Wichtig ist auch die Botschaft, dass die speziellen Auszahlungsprofile dadurch zustande kommen, dass die Banken im Hintergrund mit Terminmarktkontrakten arbeiten. Das kann dazu führen, dass sich die Kurse der Zertifikate während der Laufzeit eigentümlich verhalten, weil Faktoren wie Volatilität oder Zinsniveau auf die Preise der hinterlegten Optionen einwirken.

Im Zentrum der Aufklärung muss aber nach den jüngsten Erfahrungen das Thema Ausfallrisiko stehen. Am Anleihemarkt, der von institutionellen Investoren dominiert wird, gehört der Blick auf die Bonität eines Emittenten zum kleinen Einmaleins. Zertifikate kaufen viele Anleger dagegen nach wie vor, ohne auf die Ausfallgefahr zu schauen. Dabei sind Informationen zur Kreditwürdigkeit von Banken mittlerweile gut verfügbar. Ratings und Übersichten über CreditSpreads liefern wichtige Anhaltspunkte. Aber auch ein Blick auf die aktuelle Nachrichtenlage hilft oft schon weiter. Bei Lehman Brothers etwa gab es seit Monaten Berichte über ernste Schwierigkeiten.

Wenn es gelingt, die Investoren für die Bonität von Zertifikaten zu sensibilisieren, dürfte sich ein weiterer Malus der Papiere hoffentlich selbst erledigen. Bisher spiegelt sich das Emittentenrisiko nicht oder nur unzureichend in den Konditionen einzelner Zertifikate wider. Über Jahre konnten Banken mit niedrigem Kreditrating Anlegern die gleichen Zertifikate anbieten wie als sicher eingestufte Konkurrenten, ohne dass sie dafür höhere Kupons oder Abschläge beim Kaufpreis oder den Gebühren anbieten mussten. Die Grundregel des Kapitalmarktes, dass höhere Risiken mit größeren Chancen kompensiert werden, stellt das auf den Kopf.

Der Schlüssel, mit dem dies geändert werden kann, ist Information. Wenn sich Anleger gezielt über die Risiken von Zertifikaten erkundigen und ihre Anlageentscheidungen hierauf aufbauen, können sie das Produktangebot steuern und so den Markt in die richtige Richtung führen.

Diesen Prozess müssen die Banken intensiv begleiten, indem sie noch stärker als bisher in Service und Aufklärung investieren und die Berater intensiv schulen. Im Fall Lehman haben einige Institute noch Zertifikate der Bank verkauft, als deren Probleme bereits offensichtlich waren. Ob sie dafür haften müssen, werden eventuell irgendwann die Gerichte entscheiden. Auf deren Urteile oder mögliche Regulierungsschritte darf die Branche aber nicht warten. Sie muss jetzt schnell und entschlossen handeln. Das beste Rezept gegen Kritik ist Initiative.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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