Zertifikate
Mehrwert zählt

Die Banken haben sich von ihrer Kundenbasis entfernt, die den Überblick verloren hat über die Masse an unterschiedlichen Zertifikaten. Komplizierte Strukturen und intransparente Gebühren schrecken die Investoren ab. Nötig wäre eine schlüssige Zukunftsstrategie.
  • 0

DÜSSELDORF. Für die deutsche Zertifikatebranche endet eine Ära. Nach Jahren rasanten Wachstums tritt das Boom-Segment für die nächsten sechs Monate in eine Stagnationsphase ein. Grund ist eine Sonderregelung bei der Einführung der Abgeltungsteuer. Während der Umstieg auf die pauschale Kapitalertragsteuer von 25 Prozent bei anderen Anlageformen erst Anfang 2009 in Kraft tritt, gilt für Zertifikate eine komplizierte Sonderregelung, die den Bestandsschutz stark einschränkt. Konsequenz: Steuerfreie Erträge mit Zertifikaten sind ab 1. Juli unmöglich.

Nach kurzem Wehklagen über den vorübergehenden Wettbewerbsnachteil gegenüber Fonds und anderen Anlageformen gibt sich die Branche inzwischen selbstbewusst: Ein Absatzknick im zweiten Halbjahr sei zwar nicht auszuschließen. Ab 2009 könnten Zertifikate ihre Stärken aber wieder ausspielen und die Branche werde auf den Wachstumspfad zurückkehren, verkündet der Deutsche Derivate-Verband, in dem die führenden Emittenten vereint sind.

Sechs schwache Monate nach Jahren mit hohen zweistelligen Wachstumsraten - das klingt nicht so furchtbar problematisch. Allerdings mehren sich die Indizien dafür, dass der Zertifikatebranche eine längere Dürre ins Haus stehen könnte: So stagniert das Marktvolumen seit Anfang des Jahres bei rund 130 Milliarden Euro. Gleichzeitig tun sich die für ihr hohes Innovationstempo bekannten Emittenten zunehmend schwer, überzeugende Themen- und Produkttrends zu setzen. Und das in einer Zeit, in der der Konkurrenzdruck durch andere innovative Finanzprodukte schärfer geworden ist.

Vor allem aber schaffen es die Banken nach wie vor nicht, neue Kundenschichten für Zertifikate zu gewinnen. Die breite Masse erreichen die Produkte nicht. Im Schnitt fragt nur jeder zehnte Bankkunde aktiv nach Zertifikaten. Für die Branche ist das eine sehr schmerzliche, weil ungewohnte Erfahrung. Beruht ihr Erfolg doch vor allem darauf, dass sie Produkte ganz nah an den Bedürfnissen der Kunden auflegt.

Das gilt insbesondere für Bonus- und Discountzertifikate. Kurz nach der Jahrtausendwende, als die Deutschen von Aktien nichts wissen wollten, gelang den Banken mit diesen Produkten ein genialer Coup. Sie ermöglichen Anlegern mit Hilfe spezieller Optionen einen Einstieg in Aktien mit Sicherheitspuffer, ohne gleich ins volle Risiko zu gehen. Ein Konzept, das den risikoscheuen Deutschen nach den Erfahrungen am Neuen Markt wie gerufen kam.

Ein großer Verdienst der Zertifikatebranche ist zudem, dass sie den Anlegern ein deutlich breiteres Investmentspektrum geöffnet hat. Dies gilt insbesondere für den Rohstoffbereich, an dessen rasanter Entwicklung viele Deutsche ohne Zertifikate nie hätten teilnehmen können. Aber auch zu anderen Segmenten wie Hedge-Fonds oder Devisen sowie zu vielen exotischen Anlageregionen haben die Emittenten den Zugang geschaffen.

Inzwischen haben sich die Banken aber zunehmend von ihrer Kundenbasis entfernt. Mehr als 170 000 verschiedene Zertifikate gibt es in Deutschland, und noch immer laufen die Emissionsmaschinen der Banken auf Hochtouren. Der Mehrwert der meisten Neuentwicklungen ist jedoch begrenzt. Und echte Blockbuster hat die Branche schon lange nicht mehr hervorgebracht.

Stattdessen wird der Wust verschiedener Zertifikatetypen immer undurchsichtiger. Längst haben die Anleger den Überblick verloren, welche Papiere für ihre Bedürfnisse die richtigen sind. Komplizierte Produktstrukturen und immer noch sehr intransparente Gebühren schrecken die Investoren zusätzlich ab und treiben sie in andere Finanzprodukte wie börsennotierte Indexfonds.

Diesen Herausforderungen müssen sich die Banken stellen. An die Stelle des "Weiter so wie bisher" muss eine schlüssige Zukunftsstrategie treten, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Anleger orientiert. Eine Strategie, die weit über die Verbesserung der Produkt- und Gebührentransparenz hinausgeht. Notwendig ist eine schonungslose Analyse, welche Zertifikate wirklich dem Anleger dienen und welche in erster Linie den Interessen der Vertriebe genügen. Klasse statt Masse lautet die Devise. Auch Tabus wie die Trennung zwischen Fonds und Zertifikaten gehören auf den Prüfstand. Deren vieldiskutierte Konvergenz muss in Form von passgenauen Anlagelösungen Wirklichkeit werden.

Die Zertifikatebranche hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie in der Lage ist, Anlegern Produkte mit Mehrwert zu liefern. Da muss sie wieder hinkommen. Das kommende Halbjahr, in dem Zertifikate wenig gefragt sein dürften, ist für die Branche eine Belastung. Gleichzeitig gibt ihr die vorübergehende Ausnahmesituation aber die Chance, mit Weitblick die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

Kommentare zu " Zertifikate: Mehrwert zählt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%