Zertifikate
Schreckgespenster

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Für die erfolgsverwöhnte deutsche Zertifikate-Branche läuft es zurzeit nicht rund. Zwar steigt das investierte Volumen Monat für Monat weiter, und die Handelsumsätze liegen auf Rekordniveau. Aber das rasante Wachstum hat den Sektor ins Visier der Öffentlichkeit und damit auch der Politik gerückt. Die Forderungen nach mehr Transparenz werden lauter. Und mit der schärferen Behandlung von Zertifikaten im Rahmen der Abgeltungsteuer hat der Gesetzgeber der Branche einen heftigen Dämpfer verpasst. Im Lager der Konkurrenten, allen voran der Investmentfonds, die unter dem Erfolg der Zertifikate besonders leiden, herrscht Genugtuung: Zertifikate hätten ihre beste Zeit hinter sich, spätestens mit der Abgeltungsteuer drohe ihnen ein herber Bedeutungsverlust, lauten die Prognosen dort. Dabei ist auch Wunschdenken im Spiel. Doch in der Branche selbst herrscht ebenfalls Alarmstimmung. Die Derivateverbände DDI und Derivate malen „gewaltige Mittelabflüsse“ als Schreckgespenst an die Wand.

Aber diese Warnungen sind übertrieben. Zwar ist richtig, dass die Zertifikate bei der neuen Abgeltungsteuer schlechter gestellt werden. Hier greift der Fiskus bereits zu, wenn die Papiere ab dem 14. März 2007 gekauft wurden und ab Juli 2009 verkauft werden, statt wie bei Fonds und Aktien eine Übergangsfrist bis Anfang 2009 zu gewähren. Gerade für langfristig orientierte Investoren ist das ein Nachteil. Die Branche hat sich diese Sonderbehandlung selbst eingebrockt, weil sie mit Spezialkonstruktionen die Abgeltungsteuer umgehen wollte.

Eine Massen-Abwanderung der Anleger dürfte den Emittenten deswegen aber nicht drohen. Denn für die Mehrheit der Zertifikate-Käufer spielen steuerliche Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle.

Der Siegeszug der Zertifikate in den vergangenen Jahren beruht vor allem auf zwei Faktoren: Zum einen bieten Zertifikate durch den Einsatz von Optionen Privatanlegern den Zugang zu einer Reihe neuer Anlageklassen. Zu nennen sind hier vor allem Indexzertifikate, mit denen Investoren erstmals die Möglichkeit erhielten, statt auf einzelne Aktien gleich auf ganze Märkte zu setzen. Aber auch Rohstoff- und die seit kurzem beliebter werdenden Währungszertifikate haben das Anlagespektrum für Kleinanleger deutlich erweitert. Den anderen entscheidenden Impuls für den Zertifikate-Boom haben die Emittenten mit der Entwicklung spezieller Sicherheitspuffer geliefert, die den Nerv der deutschen Anleger treffen.

Discountpapiere, die mit Rabatt auf den Kurs eines Basiswertes verkauft werden, und Bonuszertifikate, bei denen Investoren eine Mindestrendite garantiert wird, solange eine fixe Kursschwelle nicht unterschritten wird, haben sich in kurzer Zeit zu absoluten Verkaufsschlagern entwickelt. Noch beliebter sind Garantiezertifikate, die Anlegern unabhängig von der Kursentwicklung den vollständigen Erhalt des eingesetzten Kapitals zusichern.

Vor allem der Erfolg der Garantiezertifikate beweist, dass steuerliche Überlegungen für die deutschen Anleger nicht das A und O sind. Denn diese Vollkaskopapiere gelten im Unterschied zu anderen Zertifikaten als „Finanzinnovation“, ihre Erträge unterliegen daher auch nach Ablauf der zwölfmonatigen Spekulationsfrist der Einkommensteuer. Da diese steuerliche Benachteiligung mit der Einführung der Abgeltungsteuer wegfällt, arbeiten die Emittenten zurzeit mit Hochdruck an neuen Produkten, die den Kapitalschutz mit attraktiveren Renditeaussichten verbinden, als dies bei Garantiezertifikaten in der Vergangenheit oft der Fall war. Die neue Pauschalsteuer ist für die Emittenten also auch eine Chance. So dürften neben Garantieprodukten auch kurzlaufende Zertifikate, die bisher wegen der Spekulationsfrist von zwölf Monaten kaum verkäuflich waren, deutlich an Gewicht gewinnen. Und auch in anderen Bereichen werden die Emittenten rechtzeitig zum Wechsel der Besteuerung am 1. Januar 2009 mit neuen Zertifikate-Variationen zur Stelle sein, um im Wettbewerb um die Anleger zu bestehen.

Eins dürfen die Emittenten bei der Suche nach neuen Verkaufsschlagern aber nicht vergessen: Im ausufernden Derivatemarkt wächst das Bedürfnis der Anleger nach einfachen Produkten. Bonus-, Discount- und Expresszertifikate kommen nicht zuletzt deshalb so gut an, weil ihre Funktionsweise einfach und transparent ist. Wenn die Branche diesen Weg weitergeht, dürfte die vorübergehende Schlechterstellung in den kommenden Monaten höchstens zu einer Wachstumsdelle führen. An der großen Bedeutung für den deutschen Kapitalmarkt, die Zertifikate erlangt haben, wird die steuerliche Übergangsregelung nichts ändern.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)

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