Kommentare
Ziel klar verfehlt

Es läuft etwas falsch im Land der Forscher und Tüftler. Mühsam hatten es die deutschen Unternehmen und der Staat 2003 geschafft, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) über die psychologisch wichtige Marke von 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu steigern. Doch schon 2004 sind sie wieder darunter gerutscht. Auch die Zahlen für 2005 und 2006 lassen keine Wende erwarten. Das von der EU im so genannten Lissabon-Prozess zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Europas gesteckte Ziel, bis 2010 die Marke von drei Prozent zu erreichen, können wir getrost ad acta legen.

Dass andere EU-Länder wie Großbritannien und Frankreich noch weniger leisten, ist kein Trost. Schließlich gibt es eine Reihe von Staaten, die seit Jahren mehr in Forschung und Entwicklung investieren und damit das Fundament künftigen Wohlstands festigen. Deutschland dagegen vernachlässigt die Basis, auf der morgen Innovationen und übermorgen Jobs gedeihen.

Die Konzerne, die fast 90 Prozent der privaten Forschung und Entwicklung leisten, sparen in schwierigen Zeiten an ihren Zukunftsausgaben. Man kann nur hoffen, dass der keimende Konjunkturoptimismus dazu führt, dass ein größerer Teil der wieder kräftig sprudelnden Gewinne in die Zukunft investiert wird. Beim Rückzug kleiner und mittlerer Firmen aus der Forschung muss jedoch auch der Staat überlegen, wie er helfen kann. Die bisherigen Förderprogramme reichen nicht aus. Auch eine steuerliche Förderung von FuE-Ausgaben sollte kein Tabu sein. In anderen Industriestaaten befindet sich diese Art der Unterstützung auf dem Vormarsch.

Geradezu blamabel ist die Rolle, die der deutsche Staat selbst auf der FuE-Bühne spielt. Trotz aller Lippenbekenntnisse der Politiker zieht er sich mehr und mehr aus der Verantwortung zurück. Allein der Wirtschaft war es in den letzten Jahrzehnten zu verdanken, dass Deutschland nicht noch weiter zurückgefallen ist. Der Staat hingegen gibt Jahr für Jahr nur rund 0,75 Prozent des BIP für die Innovationsförderung aus. Dass es anders geht, zeigen Länder wie Israel, Schweden und Finnland. Dort steckt der Staat mehr als ein Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung.

Die Hauptlast für einen Neuanfang liegt beim Bund. Vollmundig hat die neue Regierung angekündigt, bis 2009 zusätzlich sechs Milliarden Euro für FuE auszugeben. Das ist zwar zu wenig, um die Ziele des Lissabon-Prozesses zu erreichen. Trotzdem wäre diese Erhöhung ein Riesenschritt nach vorn. Die kräftige Aufstockung des Etats von Bundesforschungsministerin Schavan für das laufende Jahr um 5,5 Prozent ist ein guter Anfang. Um die Gesamtverpflichtung zu erfüllen, müssen aber auch ihre Kabinettskollegen ihre Forschungsausgaben entsprechend erhöhen, vor allem der Wirtschaftsminister. Angela Merkels oberster Innovationsbeauftragter, Heinrich von Pierer, sollte dringend zusätzlichen Druck machen – wenn er denn endlich die Berliner Bühne betritt.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%