ZINSEN
Auftrieb

Die langfristigen Zinsen haben sich von ihrem extrem niedrigen Niveau verabschiedet und liegen jetzt bei etwa 4,5 Prozent.
  • 0

Und im kurzfristigen Bereich sorgt die Europäische Zentralbank ebenfalls für Bewegung nach oben mit ihrer Anhebung der Leitzinsen auf vier Prozent. Beides zeigt: Die gesamte Zinsstruktur befindet sich, zumindest in ersten Ansätzen, auf dem Wege der Normalisierung. Was jetzt noch fehlt, wären ein größerer Abstand zwischen kurz- und langfristigen Konditionen und höhere Aufschläge für risikoreiche Anlagen, wie zum Beispiel Unternehmens- oder Schwellenländeranleihen.

Extrem niedrige Zinsen haben sicher ihren Charme. Sie können theoretisch den Konsum anregen – was in Deutschland aber nicht funktioniert. Sie erleichtern Investitionen und gelten daher als Konjunkturstütze. In der Praxis spielen sie aber eine Nebenrolle: Unternehmer investieren dann, wenn sie Gewinnchancen sehen, und nicht, wenn die Finanzierung billig ist.

Niedrige Zinsen helfen Bauherren, ihr Haus schnell abzubezahlen. Sie ermöglichen außerdem steigende Aktienkurse, weil die Bewertung der Aktien dann vergleichsweise günstig erscheint. Das alles ist nicht zu verachten. Aber man muss auch die andere Seite sehen. Wenn Geld zu billig ist, wird es auch verschleudert, die Gefahr steigt, dass Kapital falsch investiert wird, weil es praktisch nichts kostet. Ein Liquiditätsrausch führt daher nicht unbedingt dazu, die Effizienz der Volkswirtschaft zu verbessern.

Die extrem niedrigen Zinsen haben auch den Private-Equity-Boom befeuert. Vor allem die gefährliche Methode einiger Beteiligungsfonds, Unternehmen zu kaufen, mit Schulden voll zu laden und so schnell das Kapital zurückzubekommen und auf den Rest Eigenkapital mit Hebeleffekt eine Superrendite einzufahren – dieses Spiel lebt auch von sehr niedrigen Zinsen. Man muss weder die Private-Equity-Branche, vulgo Heuschrecken, noch den alten Leverage-Effekt bei der Kreditfinanzierung, der seit Jahrzehnten in BWL-Büchern gelehrt wird, verdammen. Aber Übertreibungen sind nie gut: Beteiligungsfonds sollten durch unternehmerische Leistung glänzen und nicht durch zu billig gewordene Finanzierungstricks.

Außerdem gilt: Sparer, die auf Sicherheit achten, haben in den vergangenen Jahren kaum noch etwas für ihre Anlagen bekommen. Wer mit extrem niedrigen Renditen eine Altersvorsorge aufbauen möchte, muss aber sehr früh anfangen oder sehr hohe Raten zur Seite legen. Über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, heißt das – auch beim leicht gestiegenen Zinsniveau noch –, dass sich die Gewichte verschieben: Früher war Bauen ein großer finanzieller Kraftakt. Heute wird es mehr und mehr der entscheidende Kraftakt, genug Geldvermögen als Ergänzung der Rente anzusparen. Ob viele Bürger diesen Zusammenhang verstanden haben?

Für Banken und Versicherer dürfte eine Normalisierung der Zinsstruktur gemischte Folgen haben. Auf der einen Seite werden die Kapitalmärkte nicht mehr so geschmiert weiterlaufen – und daran hängt ein guter Teil der Bankerträge. Für die Versicherer bedeuten höhere Langfristzinsen, dass ihre riesigen Anleihebestände an Wert verlieren.

Aber es gibt auch gegenteilige Effekte: Im Zinsgeschäft, von dem gerade Sparkassen und Genossenschaftsinstitute häufig noch stark abhängig sind, kann man mit höheren Zinsen auf bessere Margen hoffen. Dafür reagieren die Kunden allerdings noch preissensibler auf günstige Angebote von Direktbanken. Den Versicherern fällt es aber mit höheren Zinsen mittelfristig leichter, ihre Auszahlungsgarantien einzuhalten.

Wie gesagt, ein leicht steigendes Zinsniveau ist nur der erste Schritt zur Normalisierung. Fast noch wichtiger wäre es, wieder zu vernünftigen Risikoprämien zu kommen. Sie sind aus zwei Gründen so niedrig geworden: Weil die Anleger alles kaufen, was nur ein bisschen höhere Renditen bringt. Der zweite Grund dürfte das rege Geschäft mit dem Verkauf und der Verteilung, Stückelung, Koppelung und sonstigen Arten des Durchreichens von Unternehmens- und Baukrediten aller Art sein, das sich, von den USA ausgehend, bei uns durchsetzt. Dabei weiß keiner mehr so genau, wer am Ende das Risiko trägt, und deswegen schaut auch keiner mehr hin, wie groß es eigentlich ist.

Gerade dieser Punkt macht den Notenbanken große Sorgen. Sie fürchten, dass durch einen externen Schock, etwa eine politische Krise, die Angst vor dem Risiko plötzlich steigt und irgendwo im Finanzsystem Verwerfungen auftreten. Die gute Nachricht ist aber: Ein steigendes Zinsniveau begünstigt auch den Aufbau von Risikoaufschlägen. Denn wenn normale Zinspapiere wieder ein bisschen einbringen, verlangen die Anleger für Risikopapiere deutlich mehr.

Kommentare zu " ZINSEN: Auftrieb"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%