Zinsen
Gefährliche Saat

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An der Wall Street spricht man bereits von der Woche der Wahrheit. Morgen wird die amerikanische Notenbank eine historische Weichenstellung in der Zinspolitik vornehmen. Dabei wird sich zeigen, wie weit Fed-Chef Ben Bernanke den nervösen Märkten mit einer weiteren Liquiditätsspritze zur Hilfe eilt. In den Tagen danach werden die Investmentbanken erstmals Auskunft darüber geben, welche Spuren die Finanzkrise bislang in ihren Bilanzen hinterlassen hat. Und zu allem Überfluss erscheint heute bereits das Buch von Alan Greenspan, in dem der legendäre Notenbanker nicht mit Ratschlägen für ein Krisenmanagement spart.

Im Mittelpunkt steht zweifellos Bernanke. Er und seine Kollegen bei der Fed müssen den richtigen Weg auf einem äußerst schmalen Grat finden. Auf der einen Seite mehren sich die Anzeichen, dass die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten auch die Konjunktur mehr und mehr in Mitleidenschaft zieht. Auf der anderen Seite warten viele Investoren nur darauf, dass die Notenbank sie mit einer kräftigen Zinssenkung vor den Konsequenzen ihrer riskanten Spekulationen bewahrt.

Angesichts der dramatischen Ereignisse der letzten Tage scheint die Entscheidung klar. In Großbritannien stürmen aufgebrachte Sparer die Filialen der angeschlagenen Bausparkasse Northern Rock. In Brüssel warnen die Finanzminister, dass die Kreditkrise noch lange nicht vorbei sei. Der französische Präsident Nicholas Sarkozy fordert die Europäische Zentralbank (EZB) unverblümt zu einer Zinssenkung auf. In Amerika ist das Risiko einer Rezession nach Ansicht von Ökonomen auf 40 Prozent gestiegen. Hat Bernanke überhaupt noch eine andere Wahl, als den Geldhahn kräftig aufzudrehen?

Eine Umfrage unter den Finanzvorständen führender US-Unternehmen sollte ihm zu denken geben. Obwohl viele Manager einräumen, dass ihre Unternehmen von der Kreditkrise betroffen seien, versprechen sich nur wenige eine substanzielle Erleichterung durch eine Senkung der Leitzinsen. Nicht der Preis für Kredite ist demnach für viele Firmen das dringendste Problem, sondern das fehlende Angebot für Finanzierungen.

Das trifft den zentralen Punkt der aktuellen Finanzkrise. Es fehlt nicht das Geld, sondern das Vertrauen. Bernanke muss sich deshalb fragen, ob er mit einer großzügigen Zinssenkung viel ausrichten kann. Dass die Zinsen auf dem Londoner Interbankenmarkt trotz der Liquiditätshilfen der EZB immer noch auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren stehen, zeigt, wie stumpf die Waffen der Notenbanker sein können.

So könnte die Fed am Ende ihrer morgigen Sitzung zu der Erkenntnis gelangen, dass sie mit ihrem von vielen als zu zögerlich kritisierten Kurs genau richtig liegt. Angesichts der aufgebauten Erwartungen an den Finanzmärkten und der wachsenden Gefahren für die Weltkonjunktur, müssen Bernanke & Co. zwar handeln. Zugleich müssen sie jedoch sehr vorsichtig agieren. Stehen doch die positiven Effekte einer Zinssenkung in keinem Verhältnis zu dem Risiko, damit eine weitere Spekulationsblase zu fördern.

Mit anderen Worten: Die US-Notenbank sollte die Zinsen um 25 Basispunkte senken und damit zeigen, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat. Alles, was darüber hinausgeht, würde die Saat für die nächste Krise säen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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