ZINSEN
Handlungsfähig bleiben: maßvoll anheben

Angesichts der Rekordinflation muss die EZB handeln und die Zinsen erhöhen. Aber sie hat auch auf andere Risiken zu achten, deshalb verbietet sich ein heftiger Aufschlag.
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Das verflixte Öl: In den 15 Ländern des Euro-Raums haben die explodierenden Ölpreise jetzt für eine Rekordinflation gesorgt. Vier Prozent, so hoch war die Teuerung noch nie seit Einführung der gemeinsamen Statistik vor elf Jahren. Angesichts dieser Lage bleibt der Europäischen Zentralbank (EZB) keine andere Wahl, als die geldpolitischen Zügel anzuziehen.

Doch wie heftig muss der Eingriff sein? Natürlich spielt der Inflationsschock den Zinsfalken in die Hände. Streng auf die Preisstabilität ausgerichtete Währungshüter wie Bundesbankchef Axel Weber und das EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark werden eine kräftige Erhöhung der Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt fordern, weil sie andernfalls um ihre Glaubwürdigkeit fürchten. Doch durchsetzen werden sich die Hardliner bei der nächsten EZB-Sitzung am Donnerstag nicht. Denn die Zentralbanker müssen weit mehr als die Inflation im Blick haben: Weltweit rutschen wichtige Volkwirtschaften in die Rezession ab. Und die Finanzkrise ist noch lange nicht beendet. Deshalb bleibt den EZB-Verantwortlichen nichts anderes übrig, als die Zinsen in dieser Woche lediglich um einen Viertelprozentpunkt auf dann 4,25 Prozent anzuheben.

Der Schlusspunkt muss das zwar nicht sein. Doch mit diesem Schritt bleibt die Zentralbank handlungsfähig. Und das ist wichtig. Sie signalisiert dem Markt: Wir sind nicht gewillt, eine zu hohe Inflation hinzunehmen, uns ist aber auch bewusst, dass wir mit Blick auf Konjunktur und Finanzkrise vorsichtig agieren müssen. Im Klartext: Es kann zu einem weiteren Zinsschritt kommen, falls tatsächlich nötig. Das könnte dann der Fall sein, wenn die Gewerkschaften einen Ausgleich für steigende Preise suchen und damit einen weiteren Inflationsschub auslösen. Es muss aber nicht zu einer weiteren Zinsanhebung kommen.

Wie sich die EZB entscheidet, hängt vor allem von den Rohstoffpreisen ab, insbesondere bei Energie und Nahrungsmitteln. Es gibt die begründete Hoffnung, dass es hier nicht ganz so schlimm kommt wie vielfach befürchtet. Richtig ist: Die Rohstoffe sind im ersten Halbjahr so stark gestiegen wie noch nie in den vergangenen 35 Jahren. Das hängt eng zusammen mit Schwellenländern wie China und Brasilien, wo sich viele Millionen Menschen nun energieverzehrende Haushaltsgeräte und Autos leisten können und auch mehr Geld für Ernährung ausgeben. Richtig ist aber auch: Höhere Preise für Rohstoffe und Energie führen überall auf der Welt zu Bremseffekten beim Verbrauch.

In den USA als weltweit größtem Energieverbraucher sagt der Automobilklub AAA voraus, dass erstmals in diesem Jahrzehnt weniger Amerikaner am Nationalfeiertag 4. Juli ins Auto steigen und auf Reisen gehen werden. Benzin ist einfach zu teuer geworden. Beispiel zwei: Der Kupferpreis sprang in diesem Jahr um knapp 30 Prozent wegen Produktionsproblemen in Chile, Peru und Mexiko. China als einer der größten Importeure hat bereits darauf reagiert und die Importe um rund ein Fünftel gedrosselt.

Das sind nur zwei Beispiele, die aber dafür sprechen, dass die Volkswirtschaften anders reagieren als noch in den siebziger Jahren. Die Rückkehr hartnäckig hoher Inflation haben wir glücklicherweise nicht zu befürchten.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte

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