Zinsentscheid
Geldpolitik: Trittbrettfahrer absteigen!

Es ist die Philosophie des pragmatischen Handelns, die Amerika mit groß gemacht hat. Grundsätze zählen nur so lange wie sie als nützlich erachtet werden. Das gilt auch für die Geldpolitik, wie die Federal Reserve nun wieder einmal gezeigt hat. Unterdessen liefern sich die Vertreter der Europäischen Zentralbank kleinkarierte interne Auseinandersetzungen.
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FRANKFURT. Mit ihrer traditionellen Zinspolitik, dem einzigen, was moderne westliche Notenbanker kennen, ist die Fed bei Null angelangt – und damit am Ende. Doch während sich die kontinentaleuropäischen Notenbanker kleingeistig an ihre verbleibenden Zinsprozente klammern und möglichst lange damit spielen wollen, schreitet die Fed forsch in neues Territorium.

Dass sie mit ihrem Latein und ihren Einflussmöglichkeiten noch lange nicht am Ende ist, haben die Devisenmärkte schnell erkannt. Ihre Ankündigungen, was sie als nächstes plant, trieben den Euro über 1,40 Dollar und den Yen auf den tiefsten Stand seit über 13 Jahren. Die Notenbank plant, die Notenpresse anzuwerfen, und die Wirtschaft mit Dollars zu überschwemmen.

Dabei beherzigt sie Lehren aus den Erfahrungen Japans. Die japanische Notenbank hatte, als sie eine Politik der Geldmengenausdehnung betrieb, das Geld allein in den Bankensektor gepumpt und vergeblich gehofft, die Banken würden es als Kredite weiterreichen. Die Federal Reserve will es anders machen. Sie umgeht weitgehend das marode Bankensystem und stellt Konsumenten, Unternehmen und Immobilienkäufern das Geld direkter zur Verfügung. Sie kauft Schuldverschreibungen der Unternehmen auf sowie Wertpapiere, die auf Krediten an Konsumenten oder Hauskäufer beruhen. Damit gibt sie entweder direkt selbst Kredit oder sie refinanziert diejenigen Banken, die Kredite vergeben. Damit setzt sie direkt bei den Kreditmärkten an, die nicht mehr richtig funktionieren.

Unterdessen liefern sich die Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) eine kleinkarierte interne Auseinadersetzung darüber, ob sie ihren Leitzins von 2,5 Prozent schon wieder im Januar oder erst im Februar oder März um einen halben oder nur um eine viertel Prozent senken sollten. Der Streit wirkt mehr als albern, wenn die wichtigen Konjunkturindikatoren laufend neue Tiefstände markieren und allseits die größte Rezession vorausgesagt werden, an die sich selbst unsere betagten Notenbanker erinnern können.

Es ist nicht lange her, dass EZB-Präsident Trichet sagte, das Subprimeproblem hätten die anderen, nicht Europa. Derselbe Trichet meinte auch, Europa beeinflusse die USA ebenso stark wie umgekehrt. Nun muss er erleben, dass es nur eine wirtschaftliche Weltmacht gibt, und die heißt USA.

Schon in der letzten Krise hat die EZB versucht, den Trittbrettfahrer zu spielen und verweigerte unter Verweis auf die Aktionen der US-Notenbank eigenes Handeln. Der Erfolg war ein nach oben schießender Euro und ein Einbruch der eigenen Wirtschaft, der sie dann doch zum Handeln zwang.

Wenn die Europäer sich wieder als Trittbrettfahrer gerieren wollen und sich der globalen Zusammenarbeit gegen eine globale Krise verweigern, dann schadet das zu allererst ihnen selbst. Die USA bekommen ihre Unterstützung auf jeden Fall. Wenn nicht von geldpolitischer Lockerung der EZB und europäischen Konjunkturprogrammen, dann eben von anderer Seite, von einem immer schwächer werdenden Dollar. Für die USA ist das zwar nur die zweitbeste Variante, für Europa aber die allerschlechteste.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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