Zinspolitik der EZB
Ansteckender Optimismus

Die EZB hat mit ihrer jüngsten Lagebeurteilung wenig getan, die verblassten Zinssenkungserwartungen wieder zum Leben zu erwecken. Sie hat gut daran getan.

Für die Finanzmärkte ist die Zinswende in Europa bereits eine ausgemachte Sache. Mit einer weiteren Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) unter das derzeitige Niveau von zwei Prozent rechnen sie nicht mehr. Vielmehr sehen sie im Frühjahr 2004 die erste Zinserhöhung.

Die EZB hat mit ihrer gestern abgegebenen Lagebeurteilung wenig getan, die verblassten Zinssenkungserwartungen wieder zum Leben zu erwecken. Sie hat gut daran getan. In einem Umfeld, in dem Finanzmärkte und Unternehmen von Zuversicht auf einen baldigen Wirtschaftsaufschwung getragen werden, wäre das Verbreiten von Pessimismus durch die Notenbank kontraproduktiv. Es würde der Konjunktur mehr schaden, als ihr die damit verbundene Aussicht auf niedrigere Zinsen nützen könnte.

Die EZB hat allerdings keine Zinserhöhungen an die Wand gemalt. Im Gegenteil: Die Notenbank schreibt zwar in ihrem Monatsbericht, dass die Indizien für einen bald bevorstehenden Aufschwung zugenommen und die Gefahren für die Konjunktur nachgelassen haben. Aber die EZB stellt fest, weiterhin gebe es erhebliche Risiken, dass die Wirtschaftsentwicklung schlechter verläuft, als in ihrem Hauptszenario unterstellt. Dabei ist das EZB-Szenario „einer sehr zögerlichen Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2003 und im kommenden Jahr“ ohnehin alles andere als überschwänglich.

EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hat vor wenigen Tagen bestätigt, die EZB gehe weiterhin davon aus, dass die Inflationsrate im nächsten Jahr deutlich unter zwei Prozent fallen wird. Das bedeutet: Das Ziel der EZB, die Inflation mittelfristig bei „etwas weniger als zwei Prozent“ zu stabilisieren, dürfte unterschritten werden. Eine zögerliche Konjunkturerholung und eine Inflationsrate unterhalb des Zielwerts sind nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Leitzinserhöhungen zu begründen.

Daran wird deutlich, dass die Finanzmarktakteure viel optimistischer sein müssen als die EZB. Dabei kann man den Notenbankern kaum einen Hang zum Pessimismus vorwerfen. Bisher waren ihre Prognosen stets höher als das dann tatsächlich erreichte Wachstum. Vielleicht liegt die Diskrepanz zur Einschätzung der Märkte daran, dass sich die Akteure von den Kursgewinnen am Aktienmarkt zu noch übertriebenerem Optimismus hinreißen lassen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%