Zum Geburtstag
Helmut Schmidt: Geliebt und gescheitert

Helmut Schmidts Leistungen sind umfassend gewürdigt worden. Die Welle der Berichte aus Anlass seines 90. Geburtstages hat keine Phase seines politischen und publizistischen Lebens ausgelassen. Doch die nostalgische Wehmut, mit der man sich heute an den Macher Schmidt erinnert, hat etwas Doppelbödiges.

Über seinen Einsatz bei der Flutkatastrophe in Hamburg 1962, den Kampf gegen die RAF und auch über sein Wirken als Autor sind wir bestens im Bilde.

Allerdings muss man kein passionierter Nörgler sein, um eine Leerstelle zu entdecken: Es fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Paradox, dass er als Bundeskanzler zur Mitte der Legislaturperiode 1982 gescheitert und dennoch später zum wohl beliebtesten und geachtetsten Politiker der Bundesrepublik aufgestiegen ist. So populär, dass in vergangenen Jahren sogar die Idee hochkam, Schmidt könne doch vielleicht die SPD retten und noch mal kandidieren.

Oberflächlich gesehen ist Schmidt an drei Dingen gescheitert: den verschlechterten Staatsfinanzen, dem Konflikt über die Sicherheitspolitik und der aufkommenden Ökologiebewegung. Bis heute hält sich aber teilweise die Sicht, der Verrat der FDP habe ihn gefällt, oder auch: er habe eigentlich nicht zur SPD gepasst - was besonders abwegig ist bei jemandem, der seit 1953 für die Sozialdemokraten im Bundestag saß.

Tatsächlich hatte Schmidt 1982 nicht nur keine parlamentarische, sondern auch keine gesellschaftliche Mehrheit mehr. Schließlich ist Helmut Kohl, unmittelbar nachdem er dank der FDP per konstruktivem Misstrauensvotum im Oktober 1982 die Kanzlerschaft errungen hatte, das hohe Risiko von Neuwahlen eingegangen - gegen den Willen der FDP, die eine Ohrfeige fürchtete. Die neue schwarz-gelbe Koalition wurde trotz des von Verratsvorwürfen geprägten Wahlkampfs klar bestätigt.

Schmidts Probleme in der Finanz-, Sicherheits- und Umweltpolitik ergaben sich nicht einfach daraus, dass sein eigener Wille und die Parteimeinung zunehmend auseinanderdrifteten. Der ohne offene Debatte betriebene massive Ausbau der Kernenergie, anfänglich ein zutiefst sozialdemokratisches Projekt, führte nach und nach zur politischen Entfremdung von großen, bei weitem nicht nur linken oder jungen Wählergruppen. Die SPD reagierte darauf zu spät. Es kam zur Gründung der Grünen. Ähnlich verlief und wirkte die Aufrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen als Antwort auf sowjetische Missiles. In der Finanzpolitik dagegen beugte Schmidt sich schlicht den Realitäten, wozu die eigene Fraktion nicht bereit war.

Die beiden ersten Streitfragen zeugen aber nicht nur von einem inhaltlichen Dissens zwischen Schmidt und seiner Partei. Eine bestimmte, für Schmidt typische Art von Politik gelangte ans Ende: die des Machers, der entschlossen und unbeirrbar seine Vorstellungen verwirklicht. Was die Bevölkerung in der Krise des RAF-Terrors schätzte, Schmidts einsame und feste Entscheidungen, ließ in der Umwelt- und Sicherheitspolitik seine Basis zerbröseln: Dort wollte man keine unbeeinflussbaren Alleingänge mehr, sondern Rücksichtnahme, Bereitschaft zum Konsens.

Es ist kein Wunder, dass nach Schmidt ein Mann wie Helmut Kohl 16 Jahre lang regieren konnte. Er war der erste richtige Konsenspolitiker der Bundesrepublik, erntete dafür sogar den Vorwurf, statt mutig zu entscheiden, sitze er alles aus. Doch sosehr die Medien ihn verspotteten, Kohl schaffte es mit seinem konsensualen Vorgehen viel besser als Schmidt, Mehrheiten in der Partei und in der Bevölkerung zu schaffen. Im breiten Absichern und Einbinden war er so gut, dass am Ende der berüchtigte Reformstau stand.

Die nostalgische Wehmut, mit der man sich heute an den Macher Schmidt erinnert, hat etwas Doppelbödiges. Als Idealbild halten die Deutschen den kraftvollen, konfliktbereiten Entscheider hoch. In Wahlen aber lassen sie ihn leicht durchfallen. Gerhard Schröder, der 2003 ähnlich wie Schmidt 1982 gegen den Willen seiner Partei - und großer Teile der Bevölkerung - auf Reformkurs umschwenkte, wurde dafür bestraft.

Eindrucksvolle, kantige Figuren wie Schmidt eignen sich ohne Zweifel besser zur nachträglichen Verklärung als Konsenspolitiker. Allerdings kann man es einem Politiker auch nicht verübeln, dass er lieber für einen Stil optiert, der ihm die Wähler und damit eine längere Amtszeit sichert.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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