Zweierlei Maß
Böse Russen, gute Chinesen

Wenn es um Russland geht, schlägt die Stunde der schrecklichen Vereinfacher: Der KGB und die Mafia ziehen die Strippen, Korruption und Bürokratie drangsalieren das Volk, Industrien verrotten, gewissenlose Räuberbarone bereichern sich.

Wenn es um Russland geht, schlägt die Stunde der schrecklichen Vereinfacher: Der KGB und die Mafia ziehen die Strippen, Korruption und Bürokratie drangsalieren das Volk, Industrien verrotten, gewissenlose Räuberbarone bereichern sich. Nach der Affäre um den Yukos-Konzern schwingen einige Kreml-Watcher gar die dickste Keule: Russland sei auf dem Rückweg in den Stalinismus.

Komischerweise sind solche starken Sprüche niemals zu hören, wenn es um ein anderes Großreich im Osten geht: China taucht in den Schlagzeilen der deutschen Medien nur noch als marktwirtschaftliches Wunderland auf, das sich unaufhörlich selbst reformiert und sich mit grenzenloser konfuzianischer Staatskunst angeblich als Vorbild für den Westen eignet. Doch was findet man in Peking, wenn man die gleiche Messlatte anlegt wie in Moskau?

Die chinesische Geheimpolizei gehört zu den grausamsten Repressionsorganen der Welt. Zehntausende von politischen Gefangenen sitzen nach wie vor in den berüchtigten Laogai-Lagern Nordchinas. Während sich in Russland zumindest Ansätze eines parlamentarischen Systems und einer freien Presse halten, bewahrt die Kommunistische Partei Chinas nach wie vor ihr absolutes Machtmonopol und zensiert jede Zeile, die im Reich der Mitte erscheint. Die großen Staatsbetriebe in den chinesischen Inlandsprovinzen verrotten. Korrupte Funktionäre tyrannisieren die Bauern. Die Söhne und Töchter der hohen Kader, im Volksmund „Prinzen“ genannt, bereichern sich in China genauso ungeniert an Staatseigentum wie die Oligarchen in Russland. Und einen Fall Yukos gab es dort vor einigen Jahren auch schon, als die gesamte Führungsspitze des riesigen Stahlkonzerns Baoshan ins Gefängnis wanderte.

Böse Russen, gute Chinesen: Dieses Spiel funktioniert im Westen nur deshalb, weil Wladimir Putins Reich mit ganz anderen Maßstäben gemessen wird als China. Die westeuropäisch geprägte, daueropponierende russische Intelligenzija dient den westlichen Kritikern dabei als Kronzeuge. Aus China sind solche Stimmen aber nur deshalb nicht zu hören, weil die neue Weltmacht Dissidenten wie Wei Jingsheng auch heute noch brutal zum Schweigen bringt. Wir sollten deshalb damit aufhören, in China stets den Fortschritt zu suchen, in Russland dagegen immer nur den Rückschritt.

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