Morning Briefing
Weltmeisterschaft im Niedrigbesteuern

Auf einer Liste mit Steueroasen fehlen viele bekannte Orte, Donald Trump denkt an eigene Gewissheiten statt an arabische Gefühle, und Russland darf nicht zu den Olympischen Winterspielen fahren. Was heute sonst noch wichtig ist.

MünchenGuten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

für drei Religionen und zwei Nationen ist Jerusalem eine zentrale Stadt. Das hat westliche Politiker stets Diplomaten sein lassen – aber das war, bevor Donald Trump die Bühne betrat. Der US-Präsident, der sich pausenlos im Terminator-Modus wähnt, hat für den heutigen Mittwoch in dieser Sache eine Rede angekündigt. Er will Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennen und die US-Botschaft von Tel Aviv dahin verlegen. Ein US-Gesetz von 1995 erlaubt das, doch noch keiner der bisherigen Präsidenten hat es umgesetzt. Sie alle dachten an arabische Gefühle, Trump denkt an eigene Gewissheiten.

Zwei Hauptfeinde hat der Mann, der es aus einem zwielichtigen Immobilienreich ins Weiße Haus gebracht hat: sein Ego sowie den Sonderermittler Robert Mueller, der offenbar die Details des Trump-Unternehmens genau erforschen will. Im Zentrum steht nun sein langjähriger Großfinanzier, die Deutsche Bank. Über ihre Reichen-Betreuerin Rosemary Vrablic lieh sie 340 Millionen Dollar. Das Institut schickte jetzt nach Aufforderung Unterlagen nach Washington und hofft auf Entlastung. Mueller aber, so viel ist gewiss, wird weitermachen – wenn er nicht entlassen wird.

Ein neues Quasi-Land – nennen wir es Neutralien – könnte in zwei Monaten den Medaillenspiegel bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang durcheinander bringen. Zu Neutralien würden all jene russischen Top-Wintersportler gehören, die (vermutlich) nichts mit Doping zu tun haben. Die russische Nation und ihr Verband jedenfalls sind wegen Staatsdopings bei den Spielen 2014 in Sotschi vom IOC suspendiert worden, Ex-Sportminister Witali Mutko wurde lebenslang gesperrt. Der aktuelle Vize-Premier organisiert im eigenen Land die Fußballweltmeisterschaft 2018. Wladimir Putin denkt nun über einen Boykott nach und sein Staatsfernsehen ist schon weiter: Es wird nicht aus Pyeongchang berichten.

Wenn Listen veröffentlicht werden, ist oft am aufschlussreichsten, wer alles nicht darauf steht. So verhält es sich auch mit dem Verzeichnis von 17 exotischen Steueroasen, die die EU-Kommission publizierte. Hier finden sich zum Beispiel die Mongolei oder Palau, aber nicht Malta, Luxemburg oder die Isle of Man, um nur ein paar viel näher liegende Ziele des internationalen Fluchtkapitals zu nennen. Auch Delaware, Nevada, South Dakota oder Wyoming in den USA fehlen seltsamerweise. Es mangelt den Experten aus Brüssel nicht am Reisebudget, sondern am ungetrübten Fernblick.

Eine ganz andere Frage ist, wie sich die von Donald Trump in den USA ersonnenen Steuersenkungen für Reiche und Konzerne international auswirken. Deutschland und Frankreich wollen einen fiskalischen Dumpingwettbewerb verhindern – den Experten wiederum als unvermeidbar ansehen. Es müsse hierzulande zur Unternehmenssteuerreform kommen, „andernfalls werden Investitionen und Jobs in die USA abwandern“, erklärt Ifo-Präsident Clemens Fuest im Handelsblatt. Nur eine Nebenrolle spielt bisher in der Öffentlichkeit ein möglicher Satz von 20 Prozent auf Importgüter („Grenzausgleichsteuer“), die die Merkantilisten aus Übersee zudem vorschlagen.

Auch für die Justiz gilt die Unschuldsvermutung. Aber es stellt sich doch eindringlich die Frage, warum die Staatsanwaltschaft Chemnitz den Verkauf von Nachbildungen jener Galgen erlaubt, die auf Pegida-Demonstrationen zu sehen waren. Die Objekte hatten sich gegen Angela Merkel und Sigmar Gabriel gerichtet. Ein Mann aus dem Erzgebirge macht mit den Mini-Galgen Geschäfte, die von den Staatsvertretern nun tatsächlich als Kunst eingestuft wurden, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt. Es werde, so die Begründung, den Regierungsvertretern ja nichts physisch Böses gewünscht, sondern nur „quasi symbolisch, der politische Tod“. In der Not hält man sich auch an Altgriechen: „Zuweilen ist's ein Unglück, recht zu haben“ (Sophokles).

Es ist ein Foto in Schwarz-Weiß, ästhetisch und elegant, das einen der größten Politskandale der westlichen Welt symbolisiert. Die junge nackte Frau auf einem Stuhl hatte einst den Rücktritt des britischen Kriegsministers John Profumo bewirkt, weil sie gleichzeitig nicht nur mit dem Konservativen, sondern auch mit einem russischen Diplomaten ein Verhältnis hatte. Das war 1963, mitten im Kalten Krieg, kein flotter, sondern ein fouler Dreier. Durch diese Affäre wurde das Model und Showgirl Christine Keeler berühmt, aber letztlich nicht glücklich. Jetzt ist die Mutter zweier Söhne, die mit „pillow talks“ Weltgeschichte machte, im Alter von 75 Jahren an einer Lungenkrankheit gestorben.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

Hans-Jürgen Jakobs Quelle: dpa
Hans-Jürgen Jakobs
Handelsblatt / Senior Editor
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%