Morning Briefing 11. Januar Merkel gegen Merkel

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
sie hat die Wahl gewonnen. Sie hat keine Fehler gemacht. Sie wird vier Jahre lang regieren. So sieht Angela Merkel die Welt.

Wie viel Hoffnung sind die Wählerinnen und Wähler noch bereit, in Angela Merkel zu investieren?

Aber wie sieht die Welt Angela Merkel? Was fällt vor allem den Deutschen ein, wenn sie auf ihre Regierungschefin blicken? Wie viel Hoffnung sind die Wählerinnen und Wähler noch bereit, in diese Frau zu investieren?

Um das herauszufinden, hat die Handelsblatt-Chefredaktion das renommierte Umfrageinstitut Infratest Dimap beauftragt, das auch den ARD-Deutschlandtrend verantwortet. Das Ergebnis, über das unsere heutige Titelgeschichte berichtet, zeugt vom klugen Urteilsvermögen der Deutschen. Sie sehen vor sich nicht eine, sondern zwei Angela Merkels.

Merkel I. besticht durch Ruhe und Gelassenheit. Man sieht und schätzt ihr internationales Ansehen, ihre Beharrlichkeit und ihr Durchhaltevermögen. Diese Frau, die seit zwölf Jahren so tapfer durch das verminte Gelände der internationalen Politik stapft, verdient und erfährt hier Respekt.

International wird die Kanzlerin hoch angesehen.

Man muss ja nur in die USA schauen, wo der erste Mann im Staate durch Hohlheit und fortgesetzte Rüpeleien auffällt. In dem Bestseller „Fire and Fury“ - den man als Kontrastmittel zu unserer Titelgeschichte lesen kann - wimmelt es nur so vor windigen Geschäftemachern und Prostituierten, die sich im Gefolge von Trump bewegen. Als der damalige Immobilienkönig in einem Privatjet die Spielerhochburg Atlantic City überfliegt und sein Reisebegleiter, ebenfalls Milliardär, verächtlich von „white trash“ spricht, fragt das „ausländische Model“, das die beiden begleitet: „What is this ,white trash’?” Antwort Donald Trump: „They’re people just like me, only they’re poor.”

Fällt durch Hohlheit und fortgesetzte Rüpeleien auf: US-Präsident Donald Trump.

Keine der hier geschilderten Charaktere wird man im Umfeld von Angela Merkel finden. Geht es um Anstand und Moral, um Klugheit und Einfühlungsvermögen, steht Merkel wie ein Riese neben diesem merkwürdigen Donald J. Trump, der sich fortlaufend selbst verzwergt. Deutschland wird mit kühlem Kopf regiert, Amerika breitbeinig. Merkels Dachstube ist gut ausgebaut, bei Trump pfeift der Wind durchs Gebälk.

Den Deutschen gefällt vor allem Merkels Ruhe und Gelassenheit.

Die deutschen Wähler sehen und spüren den Unterschied. Aber sie sehen und spüren daneben eben auch Merkel II., die weit weniger heroisch beurteilt wird. Diese zweite Merkel ist die ewige Zauderliese, die dem Publikum durch Entscheidungsschwäche und Ideenlosigkeit auffällt. Fehlende Bürgernähe kommt nach Ansicht der Befragten hinzu, aber auch die starrköpfige Weigerung, Fehler als Fehler zu sehen.

Die Flüchtlingskrise wirkt weiter, was angesichts von 15.000 Migranten, die nach wie vor jeden Monat einwandern, kaum verwundern kann. Merkel II. steht bei diesem Zentralthema der deutschen Innenpolitik auf verlorenem Posten. Ihr Posten sieht aus wie eine Eisscholle, die im Zuge der Erderwärmung dahinschmilzt. Das Meer tobt, der Boden schwankt, Merkel II. hat keinen stabilen Stand mehr.

Als Merkels größten Makel betrachten die Bundesbürger ihre Entscheidungsschwäche.

Die Bürger, so kann man den Befund zusammenfassen, haben Merkel nicht verstoßen, aber sie gehen auf Distanz. Aus der einst engen Beziehung ist eine Zweckehe geworden. Die Mehrheit der Deutschen rechnet mit ihrem vorzeitigen Abschied. Oder wie sich ein CDU-Minister im Schutze der Anonymität ausdrückt: „Angela Merkel befindet sich im Herbst ihrer Macht. Unklar ist nur, ob es sich um den Früh- oder den Spätherbst handelt.“

Sie selbst hat es in der Hand, den Prozess der Verblühung zumindest zu verlangsamen. Vielleicht sollte Merkel I. nicht länger FDP, AfD und SPD, sondern vor allem Merkel II. bekämpfen, bevor die ihr kaltblütig den Garaus macht. Der ärgste Feind unserer Kanzlerin schläft in ihrem eigenen Bett.

Ich wünsche Ihnen – und ihr – einen erkenntnisreichen Tag. Es grüßt Sie auf das herzlichste ihr.

Gabor Steingart
Herausgeber

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1 Kommentar zu "Morning Briefing 11. Januar: Merkel gegen Merkel "

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  • Da muß man doch die Möglichkeit nutzen, die man hier hat, einen Kommentar zu schreiben.
    Auch wenn Herr Steingart wie viele andere Intellektuellen ( auch intellektuell zu sein oder sich dafür zu halten, kann schon eine Art Hochfahrenheit sein und schützt vor gelegentlicher Blindheit nicht)
    Trump für einen fortlaufenden Produzenten geistigen Dünnpfiffs halten, so hat er es doch weiter gebracht als die meisten seiner Kritiker. Und er ist immer noch im Amt. Auch mit Bauernschläue kann man es zu mehr bringen als der kluge Dorfschullehrer. Was die Steuerpolitik anbelangt, ist Trump ein Macher. Das Handelsblatt hätte bestimmt gern amerikanische Steuerregeln. Merkel dagegen läßt die Deutschen zusammen mit der SPD gerne noch mehr zahlen. An eine Entlastung der Deutschen Steuerzahler denkt sie nicht mal im Traum. Merkels Ruhe und Gelassenheit , die hier als Stärke interpretiert werden soll, kann man aber auch als Lethargie sehen, die schon eher mit ihrer Entscheidungschwäche korreliert.
    Die Analyse zu Merkel II ist wieder der gewohnte Steingartsche frühmorgendliche literarische
    Leckerbissen in Miniatur.
    Ich kann Merkel nicht mehr sehen und hoffe, das sie bald abtritt oder abgetreten wird.

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