Morning Briefing 15. Mai Die USA schreiben Geschichte

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Macht ist, wenn der eine etwas tut, was die anderen lassen müssen. Nach diesem Motto verfahren die USA unter Donald Trump. Während sich der Präsident bei dem für den 12. Juni in Singapur terminierten Gespräch mit Nordkoreas Kim Jong Un – so wie im Fall Iran – entschieden für Denuklearisierung einsetzen wird, plant das Pentagon selbst etwas ganz anderes. In einer alten Fabrik in South Carolina soll vielmehr für viele Milliarden Dollar die nächste Generation Atomwaffen entstehen. Begründet wurde das im Übrigen mit der Aufrüstung in Nordkorea. Erich Maria Remarque wusste sehr viel über die Ära der Paradoxe: „Zur Erhaltung des Friedens führen wir Krieg.“

Quelle: AFP
Britischer Ökonom John Maynard Keynes, Bretton-Wood-Konferenz 1944: „Das Geheimnis des erfolgreichen Börsengeschäfts liegt darin, zu erkennen, was der Durchschnittsbürger glaubt, dass der Durchschnittsbürger tut.“


(Foto: AFP)

Der Frieden, den Donald Trump über den Nahen Osten bringen will, drückt sich dementsprechend in zwei Zahlen aus: Fast 60 Tote, mehr als 2700 Verletzte. Das war gestern die Bilanz der israelischen Reaktionen auf palästinensische Proteste im Gaza-Streifen gegen die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem. Dort hatte Premier Benjamin Netanjahu den per Video dazugeschalteten US-Präsidenten überschwänglich gelobt: „You have made history.“ Die Geschichte der Toten dieses Konflikts wird am heutigen Tag vermutlich fortgeschrieben werden – auch wenn Emmanuel Macron die Gewalt der israelischen Armee verurteilt und zur Mäßigung aufruft.

Auf dem Profilierungstrip vor der Landtagswahl im Oktober wollen Ministerpräsident Markus Söder und die ihm treu ergebene CSU heute ein brisantes Paragrafenwerk durch den Landtag bringen: das Polizeiaufgabengesetz (PAG). Es klingt bürokratisch harmlos, ist aber eine Art Notstandsgesetz ohne Notstand. Die Polizei dürfte demnach künftig bei „drohender Gefahr“ maximal aktiv werden, ganz ohne lästige Justiz. Es handelt sich hier summa summarum um zweierlei: um einen Fall von Staatsanmaßung und von Publikumsbeschimpfung. Als jetzt 40.000 meist junge Menschen gegen PAG demonstrierten, wurden sie vom CSU-Innenminister in aller Arroganz als „unbedarft“ gescholten. Da hilft auch nicht, dass Polizisten ihr Gesetz selbst in Schulen erklären sollen.

Quelle: dpa
Benjamin Netanjahu: Israels Premier lobte den US-Präsidenten überschwänglich: „You have made history.“

Mit flotten Finanzberatersätzen ist es so eine Sache. Sie stimmen, aber sie stimmen nur eine Zeit lang. So ist es auch beim oft gehörten Spruch: „Die Dividende ist der neue Zins.“ Nun aber haben im ersten Jahresdrittel just Aktien mit hohen Dividenden wegen bröckelnder Kurse eine Rendite von minus zwei Prozent verbucht, wie unsere Titelstory analysiert. Das betrifft beliebte Titel wie Telekom, Daimler oder Nestlé. John Maynard Keynes wusste: „Das Geheimnis des erfolgreichen Börsengeschäfts liegt darin, zu erkennen, was der Durchschnittsbürger glaubt, dass der Durchschnittsbürger tut.“

Der oberste Gewerkschafter der Republik sieht seine Organisation als Bollwerk für Demokratie und gegen Populismus. Das ist der Imperativ des Reiner Hoffmann. Doch auch er versteht, was der Ökonom Thomas Piketty neulich bei einem Marx-Kongress auf den Punkt brachte: dass die Bourgeoisie „links“ wählt und das Proletariat „rechts“ (also auch AfD). Hoffmanns Antwort auf diese verkehrte Welt war die frühe Aufforderung an die SPD, bloß wieder der Großen Koalition beizutreten. Vielleicht wurde er deshalb gestern auf dem Kongress des DGB nur mit dürren 76 Prozent (2014: 93,1 Prozent) wiedergewählt.

Quelle: dpa
Ilkay Gündogan (l.), Mesut Özil (2.v.r.), mit Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.): „Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll.“

An diesem Dienstag wird die deutsche Legion von Hunderttausenden Nebentrainern in Wallung versetzt: Der DFB verkündet sein vorläufiges Aufgebot für die Fußball-WM in Russland. Zwei Spieler werden dabei auftauchen, die das Turnier offenbar auch als Dienst am türkischen Potentaten Recep Tayyip Erdogan verstehen: Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Die beiden trafen ihn in London und überreichten Trikots, von Gündogan sogar handschriftlich verziert: „Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll.“ So viel Hingabe sorgt für Ärger, in der Politik und beim DFB selbst. Gibt es auch Jersey-Präsente mit Signatur für die Kanzlerin? Immerhin war sie höchstpersönlich 2010 und 2014 in der deutschen WM-Kabine aufgetaucht.

Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Hochachtung. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor.

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