Morning Briefing 20. Dezember Die Schneekönigin

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die deutsche Wirtschaft und Kanzlerin Angela Merkel führen weiter eine Beziehung, aber es ist eine Fernbeziehung, die der Frost überzogen hat. Der Respekt blieb, aber die Zuneigung ging irgendwo zwischen Grenzöffnung und Eurorettung verloren. Man lebt auf Distanz. Die Unternehmer befeuern weiter den produktiven Kern der Volkswirtschaft, sie thront wie eine Schneekönigin auf dem Gipfel ihrer Einsamkeit. Dazwischen liegt das Faltengebirge der Enttäuschungen.

Quelle: Imago
Jürgen Heraeus meint, die deutsche Politik könnte sich ein Beispiel an Frankreich und Österreich nehmen

Im Schatten der Anonymität wird von den Männern der Wirtschaft schon seit längerem gemurrt und gegrantelt. In unserer heutigen Zeitung begeben sich nun erstmals jene auf die Lichtung, die einst zu Merkels Leibgarde zählten. Darunter der weltweit tätige Tunnelbohrer Martin Herrenknecht, der Präsident des Familienunternehmerverbands Reinhold von Eben-Worlée, der Sägenfabrikant Nikolas Stihl und Jürgen Heraeus, Aufsichtsratschef des gleichnamigen Edelmetallspezialisten. Er sagt: „Frankreich und Österreich machen uns vor, wie frische, unverbrauchte Kräfte mutige Reformen anpacken.“ Einer wie Heraeus ist nicht zornig, lediglich enttäuscht. Er wütet nicht, er stellt nur fest.

Quelle: dpa
Unternehmer wie Karl-Erivan Haub äußern sich zu Personalfragen in der deutschen Politik

„Von Aufbruchstimmung kann keine Rede mehr sein“, sagt auch Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub. „Deutschland wird nur noch verwaltet, aber nicht mehr reformiert.“ Im vorletzten Bundestagswahlkampf hatte er in Zeitungsanzeigen noch zur Wahl der CDU-Kanzlerin aufgerufen. Doch die einst herzliche Beziehung starb den Kältetod. „In jedem Fall braucht es eine personelle Erneuerung“, sagt er heute.

Quelle: Thomas Dashuber für Handelsblatt
Handelsblatt-Ressortleiter Thomas Sigmund, Ökonom Hans-Werner Sinn, Unternehmer Heinz Hermann Thiele, CSU-Politiker Peter Gauweiler und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (von links)

Drei weitere Größen des Wirtschaftslebens bat das Handelsblatt zu Tisch, um ausführlicher deren politische Seelenlage zu erkunden. Gemeinsam mit Handelsblatt-Politikchef Thomas Sigmund blickte ich in einen Abgrund der Entfremdung. „Die Bundeskanzlerin hat in den letzten Jahren viele Schritte unternommen, die zu einer teilweisen Aushebelung der Demokratie geführt haben“, sagt Heinz Hermann Thiele, Inhaber und Ehren-Aufsichtsratschef des Familienkonzerns Knorr-Bremse. Als Beispiele nennt er die Alleingänge Merkels bei der Eurorettung und die Grenzöffnung im Herbst 2015, die schließlich zum Aufstieg der AfD führten. Dass über diese Themen im Bundestag kaum kontrovers mit der Regierungschefin gesprochen wurde, empfindet er als „Armutszeugnis für unsere Demokratie“.

Da mag auch Ex-Ifo-Chef Prof. Hans-Werner Sinn, der zweite Mann am Tisch, nicht länger diplomatisch sein. Er meint: „Angela Merkel leidet unter Realitätsverlust, wenn sie sagt, man könne die deutschen Grenzen nicht schützen. Ohne den Schutz des Eigentums und damit auch ohne die Grenzen um dieses Eigentum, ist keine Ordnung in dieser Welt möglich.“ Bei der Eurorettung habe sie, sagt er, ebenfalls nicht gerettet, sondern lediglich Risiken mit erheblicher Explosionskraft aufgetürmt. Prof. Sinn: „Die Politik des stillen Kämmerleins führte zu Fehlentscheidungen.“

Der dritte Mann, um dessen Meinung wir baten, ist der frühere CSU-Minister und Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler, der heute europaweit als Wirtschaftsanwalt unterwegs ist. Er spricht noch immer respektvoll von Merkel. Er glaubt nicht, dass es in der Union zu einem Aufstand gegen sie kommen wird. Aber er registriert Gärungsprozesse. Er zitiert Franz Josef Strauß: „Manche Sachen müssen zu Ende faulen, um eine Fehlentwicklung sichtbar zu machen.“

„Was geschieht, wenn nichts geschieht?“, wollen wir von ihm wissen. Seine Antwort ist an Düsternis kaum zu überbieten: „Wenn die Bundesregierung nicht gegensteuert, dann bekommen wir noch mehr EU, noch mehr Militärinterventionen, noch mehr Kultur- und Substanzverlust. Unsere Städte treten über die Ufer, werden zu rechtsfreien Konglomeraten mit einer Ghettoisierung wie im Harlem der 80er-Jahre.“

So wird vielerorts im Bürgertum gedacht und gesprochen, je weiter man sich vom Machtzentrum wegbewegt, desto deutlicher. Damit ist der Kern vom Kern der Merkel-Wählerschaft in Auflösung begriffen. Irgendwo auf dem Gipfel der Einsamkeit thront die Schneekönigin in ihrem Kristallpalast, wissend, dass für sie die Zeit der Schneeschmelze begonnen hat.

Die Schneeschmelze könnte Kanzlerin Merkel in die Bredouille bringen

Sie kämpft nicht mehr gegen ihr Schicksal. Sie scheint es zu erwarten. Es wirkt, als sei sie geradezu neugierig darauf zu erleben, wie das Märchen – das man später verharmlosend ihre Biografie nennen wird – in sein Schlusskapitel einbiegt. Sie weiß, dass die Historiker von ihr auch im Abgang Größe erwarten. Für Staatsmänner und Staatsfrauen gilt, was Albert Camus einst so formulierte: „Es genügt nicht zu leben, man braucht ein Schicksal.“

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in den neuen Tag. Möge Ihnen die heutige Zeitungslektüre wenn schon nicht zur Erheiterung, so doch zur Erhellung dienen. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Herausgeber

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1 Kommentar zu "Morning Briefing 20. Dezember: Die Schneekönigin"

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  • Das "Armutszeugniss" haben sich die "Wirtschaftsführer " selbst ausgestellt !
    Außer Herrn Sinn und Herrn Gauweiler hat sich keiner getraut an besagter Politik etwas zu kritisieren ! Da wäre der Ausdruck "Wortschaftsduckmäuser " eher passend.

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