Morning Briefing 9. April Orbans Wahltriumph

Kommentieren

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
schon immer feiern jene Politiker Wahlerfolge, die sich auf ein Thema konzentrieren. Besonders geeignet sind da die „Bedrohungen“ durch Flüchtlinge. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat das am Sonntag wieder bewiesen: Seine Fidesz-Partei gewann weit mehr als die Hälfte der 199 Sitze im Abgeordnetenhaus.

Quelle: AFP
Deutlicher als erwartet hat der EU-kritische Regierungschef Viktor Orban die Parlamentswahl in Ungarn gewonnen.
(Foto: AFP)

Der rechtskonservative Autokrat kann somit zum dritten Mal regieren. Da ungewöhnlich viele Landsleute an die Urnen drängten, wurden einzelne Wahllokale vier Stunden länger aufgehalten, bis kurz vor Mitternacht. Nicht auszuschließen, dass die CSU nun phrasieren wird: Von Orbán lernen, heißt Siegen lernen. Den Ungarn hat sie schon immer liebend gern zu internen Klausuren eingeladen.

Islamistischer Terror ist Wasser auf die Mühlen populistischer Parteien - aber am Samstag nach der Amokfahrt von Jens R. in Münster (drei Tote, 20 Verletzte) leistete sich AfD-Frau Beatrix von Storch mit ihrem überschnellen Tweet („Wir schaffen das“) einen Fauxpas. Der Täter war Deutscher, kein Flüchtling, und er offenbarte in einem Abschiedsbrief psychische Leiden. Die Morde von Münster bewegten dann die Berliner Polizei zum schnellen Einschreiten gegen eine dubiose Gruppe. Sechs Personen wurden verhaftet, der Hauptverdächtige entstammt dem Umfeld des Breitscheidplatz-Terroristen Anis Amri. Der sonntägliche Halbmarathon in der Hauptstadt war nie in Gefahr.

Quelle: Reuters
Christian Sewing löst Vorstandschef John Cryan mit sofortiger Wirkung ab.

Zu den Errungenschaften des internationalen „Konzern-Speak“ gehört der „Update-Call“. Bei der Deutschen Bank bedeutete er gestern Abend - auf einer upgedateten Telefonrunde der Aufsichtsräte - den „Final Call“ für Vorstandschef John Cryan, einen wackeren Kämpfer, der sich in der hauseigenen Kostenstelle verlaufen hatte. Er hört mit „sofortiger Wirkung“ auf. Oberkontrolleur Paul Achleitner nahm mit seinem Call alle in den „Loop“, wie das so schön heißt. Und somit war denn auch „gegreenlighted“, dass Co-Vizechef Christian Sewing, 47, Chef der Privatkundensparte, übernimmt und die schwarze Serie der Verluste beenden soll. Konfrater Marcus Schenck, ein Heros des Investmentbankings mit leicht mephistophelischer Ausstrahlung, konnte das sonntägliche Update als Einladung zum Exit verstehen. Er geht im Mai.

Die erneuten Turbulenzen werfen die Frage auf, was eigentlich „deutsch“ ist an dieser Bank. Das Kapital? Wird dominiert von Katar, China und den USA (Blackrock, Cerberus). Die Kunden? Die deutsche Wirtschaft ist im neuen Aufsichtsrat nicht mehr vertreten, der Mittelstand fremdelt und setzt lieber auf die Commerzbank. Die politische Achse? Das war mal unter Josef Ackermann. Deutsch ist jetzt zur Abwechslung mal der neue CEO, ein allseits wohlgelittener Manager, im eigenen Haus in 25 Jahren gereift, der nun irgendwie nur noch mit der Unwucht des Investmentbankings klarkommen muss. Und der von Anfang an zu beweisen hat, dass er nicht dritte oder vierte Wahl ist, nur weil sich Chefaufseher Achleitner bei der externen Kandidatenschau Körbe geholt hat.

Quelle: dpa
Altkanzler Gerhard Schröder gerät in die Bredouille.

Die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 wird zum umkämpften Sinnbild eines finsteren Putinismus. So fordert der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nun deutsche Politiker und Firmen auf, sich von dem Projekt zu verabschieden: Es sei „das politische Bestechungsgeld für die Loyalität zu Russland“, das wiederum mit einer Wirtschaftsblockade seinem Land massiv schade, sagt er dem Handelsblatt. Altkanzler und Pipeline-Putinist Gerhard Schröder (SPD) kommt in dieser Sache auch in der eigenen Partei in die Bredouille. Nils Schmid, neuer außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, fordert, wegen der „politischen Brisanz“ Nord Stream 2 in die EU-Politik einzubinden und „uns gerade mit den Osteuropäern abzustimmen“. Die Handel-und-Wandel-Doktrin einer russlandfreundlichen Ostpolitik ist kein Markenzeichen der SPD mehr.

Noch gut 30 Stunden Zeit hat Mark Zuckerberg, um sich für die Befragungen im US-Kongress am Dienstag und Mittwoch zu präparieren. Wir werden vermutlich nach dem Datenskandal um Cambridge Analytica die perfekte Metamorphose erleben. Gab es bisher einen arroganten Facebook-Gründer im ewigen Grau-Shirt, der Interviews mied und sich in seiner Internet-Heilslehre stur zeigte, so wird nun ein seriöser Schwiegersohn-Mustermann im Anzug und mit Krawatte auftreten. Von „Zuck“ ist höchste Demut und Reue auf dem politischen Grill zu erwarten, schließlich bereitet ihn eine große Crew im Detail auf das Rollenspiel vor, darunter die einschlägig bekannte Kanzlei WilmerHale. Federführend: Reginald J. Brown. Er war schon US-Präsident George Bush (Junior) zu Diensten.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in dieser Woche kein Update verpassen und schön im „Loop“ bleiben. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren.

Morning Briefing: Alexa
Startseite

0 Kommentare zu "Morning Briefing 9. April: Orbans Wahltriumph"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%