Morning Briefing 9. Januar Merkel und das Pharaonengrab

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die Sondierungsgespräche in Berlin gleichen immer mehr einer Operette, die sich als Drama ausgibt. Die Akteure Martin Schulz, Horst Seehofer und Angela Merkel tun so, als würden sie um die Zukunft des Landes ringen.

Angela Merkel muss in der Stunde der einsetzenden Abendröte vor allem Stilsicherheit beweisen.

Doch in Wahrheit verhandeln sie ihre eigene politische Restlaufzeit. Der Deutsche Bundestag schaut tatenlos zu. Die Abgeordneten genießen das, was die IG Metall nur fordert: Vorruhestand bei vollem Lohnausgleich.

In allen drei Parteiapparaten, das allerdings macht die Angelegenheit für das Trio so dringlich, hat die Suche nach geeigneten Endlagerstätten begonnen, die nach Lage der Dinge auch im belgischen Brüssel liegen könnten. Mitleid müssen wir an dieser Stelle nicht investieren: Die EU-Endlagerung ist komfortabler als jedes Pharaonengrab, weil sie bei lebendigem Leib und hohen Bezügen stattfindet. Brüssel ist die einzige Grabstätte der Welt, in der Austern gereicht werden.

Angela Merkel und Martin Schulz reden absichtsvoll aneinander vorbei.

Noch freilich ist es nicht so weit. Das Stück befindet sich nach dem stimmungsvollen Jamaika-Prolog – Jungsiegfried Christian Lindner trat auf, um abzutreten – noch immer im ersten Akt. Nur das Bühnenbild wechselte mittlerweile von Balkon auf Hinterzimmer. Dort reden die Beteiligten absichtsvoll aneinander vorbei. Die SPD bestreitet der Bevölkerung das Recht, zu entscheiden, mit wem sie zusammenleben möchte. Die CSU hofiert Viktor Orbán und genehmigt sich Glyphosat. Die Kanzlerin wirkt, als habe sie ihren Text vergessen.

Die spannendste Bewegung aber, das gibt dem Schauspiel seine besondere Note, findet derzeit nicht auf der Bühne, sondern im Publikum statt. Dort nämlich brodelt es. Fire and Fury. Bei den einen brodelt es eher links der Seele, bei den anderen eher rechts. Die Linksbrodler wünschen sich einen deutschen Macron, die Rechtsbrodler einen zweiten Sebastian Kurz. Die einen träumen von der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, die anderen von der Rückkehr jener Zeit, als Grenzen noch Begrenzungen waren. Und Sigmar Gabriel träumt beide Träume in einer Nacht.

Unter diesen Bedingungen wartet die Kanzlerin vergebens darauf, dass die Demoskopen ihr aus dem Zuschauerraum den Text soufflieren. So ist das nun mal in der fortgeschrittenen Demokratie: Auch alle Ohnmacht geht vom Volke aus.

Merkel muss in dieser Stunde der einsetzenden Abendröte nicht zuerst Tapferkeit, sondern vor allem Stilsicherheit beweisen. Gerade für den Abschied von der Macht liegen schließlich unterschiedlichste Regieanweisungen bereit. Kohl versteinerte auf offener Bühne, Schröder stürzte sich selbst ins Schwert, Willy Brandt ertrank in einem Meer aus Whiskey und Selbstmitleid.

Altkanzler Helmut Schmidt (l) und sein damaliger Regierungssprecher Klaus Bölling: „Klaus, Sie müssen dringend zurückkommen.“

Wir allerdings würden Merkel empfehlen, sich aus dem Repertoire von Kanzler Helmut Schmidt zu bedienen. Der beorderte, als das Ende nahte, seinen ehemaligen Regierungssprecher Klaus Bölling, der mittlerweile als ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin diente, nach Bonn zurück. Schmidt, so hat es Bölling einst in kleiner Runde erzählt, flehte ihn regelrecht an: „Klaus, Sie müssen dringend zurückkommen. Es gilt, den Abschied zu illuminieren.“

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in das neue Jahr; melde mich hiermit ordnungsgemäß zum Weckdienst zurück. Alles, was sonst noch wichtig ist, steht im Handelsblatt. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Herausgeber

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  • Bravo, Herr Steingart. Immer wieder erfrischend, Ihre Hofsatire zu lesen. Weil sie voll ins schwarze trifft.

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