Handelsblatt in China
Der Petro-Yuan

Im Gefolge der Realwirtschaft spinnt China ein globales Finanzimperium. Der Yuan soll nicht nur im Gas-Deal mit Russland die Referenzwährung werden. In Peking hat man bereits weitreichende Pläne.
  • 4

PekingZu den weniger beachteten Aspekten des Pakets von Abkommen zwischen China und Russland in der vergangenen Woche gehörte die Übereinkunft, den gegenseitigen Handel künftig in chinesischen Yuan abzuwickeln. Die staatlichen Banken VTB und Bank of China kündigten an, die nötige Systeme bereitzustellen, damit ihre Kunden Zahlungen künftiger einfacher in den eigenen Währungen tätigen können. VTB-Chef Anfrey Kostin nannte bei dieser Gelegenheit das Ziel der Vereinbarung: eine „Befreiung der Welt vom Dollar“.

Bis zum Verschwinden des Dollar, oder auch nur seinem Abtritt als Finanz- und Handelswährung, wird es nach Analysten noch eine Weile dauern. Doch die chinesische Politik arbeitet heftig darauf hin, die eigene Devise parallel dazu als einen wichtigen Spieler aufzustellen. „Die Finanzreformen laufen weiter, und wir erwarten, dass der Renminbi künftig eine deutlich prominentere Rolle auf der Weltbühne spielen wird“, sagt Ökonom Qu Hongbing von der Großbank HSBC.

Vor allem entlang der „neuen Seidenstraße“, die China erklärtermaßen kreuz quer durch die eurasische Landmasse errichtet, steigt die Bedeutung des Yuan als Handelswährung. Im Jahr 2012 hat Peking erstmals bekannt gegeben, bei Ölgeschäften mit anderen Ländern künftig im Prinzip die eigene Devise zu bevorzugen – die nötige Technik dafür stehe bereit. 

Wirtschaftshistoriker werden diese Erklärung in der Zukunft möglicherweise einmal als den Anfang vom Ende des Dollar einordnen. Seit damals kursiert jedenfalls in Anlehnung an den seit den 70er-Jahren gebräuchlichen Begriff „Petrodollar“ das neue Wort „Petro-Yuan“.

Zunächst waren es Außenseiter-Staaten wie Iran und Venezuela, die als Zahlung für ihre reichlichen Öllieferungen in steigendem Maße Yuan zu akzeptierten. Auch Russland klinkt sich jetzt in einem Moment ein, wo es besonders schlecht auf die Länder des Westens zu sprechen ist und Unabhängigkeit demonstrieren will. Der Nebeneffekt der politischen Symbolik ist ein ganz Konkreter: Öl ist weiterhin eine der wichtigsten und teuersten Waren. Wer die Petro-Währung kontrolliert, hat enorme Refinanzierungsvorteile.

Die Commercial Bank of China hat eine klare Strategie

In allen diesen Fällen hat der Erhalt des chinesischen Geldes als Teil eines Kreisgeschäfts Sinn. Schließlich brauchen gerade diese Länder vor allem Industriewaren wie Elektronik, Hausgeräte, Chemiegrundstoffe oder Maschinen aus dem Reich der Mitte. Diese können sie dann gleich in Yuan bezahlen. Alle Seiten schalten damit die Risiken und Komplikationen aus, die die Nutzung einer Drittwährung bringt.

Das Vertrauen in den Yuan ist jedenfalls groß. Die weltweite Krise von 2008 hat China praktisch unbeschadet überstanden. Ein Grund dafür ist die staatliche Devisenbewirtschaftung, die strenge Beschränkungen für den Verkehr mit dem Ausland vorsieht. Die Bezahlung von Handelswaren ist erwünscht, reine Finanztransaktionen jedoch nicht. Das mag altmodisch wirken, hat China jedoch vor den Folgen der Bankenkrise bewahrt: Das Land erwies sich jederzeit als handlungsfähig und konnte dank enormer Reserven auch einen drohenden Konjunkturdurchhänger souverän abfangen.

Dieser Triumph wirkt auch heute noch nach. Im Schatten der Subprime- und der Eurokrise hat China mehr oder minder heimlich die Grundlagen für ein eigenes Finanzweltreich gelegt. Nicht nur Öl  sondern auch alle anderen Waren werden inzwischen in Yuan bezahlt. Nun stößt die Geldbranche nach. „Kapitalströme und Finanzakteure folgen der Realwirtschaft“, urteilt das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer aktuellen Studie.

Die Folgen der internationalen Verflechtung Chinas auf den Weltmärkten sind auf allen Ebenen zu beobachten. Der chinesische Internetkonzern Alibaba kann demnächst in New York den größten Technik-Börsengang aller Zeit hinlegen. Durch den Exporterfolg bei gleichzeitiger Währungskontrolle konnte China gigantische Devisenreserven anhäufen, die es nun über Staatsfonds auf die Weltmärkten schleust.

Die chinesische Finanzbranche hat zusammen mit den Unternehmen des Landes weltweit expandiert. Vor allem die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) verfolgt hier eine klare Strategie. Am Markt handelt es sich dabei bereits um eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. Jetzt eröffnet die ICBC neue Filialen von Hamburg über Johannesburg bis Sao Paulo. An wichtigen Finanzplätzen wie New York und London etabliert sie sich zunehmend als führender Spieler.

Damit spielt das moderne China erstmals in der höchsten Liga mit. In einem ersten Globalisierungsschub im frühen 19. Jahrhundert war das Land zwar schon in die Finanzströme integriert, hat jedoch aus Spanien importiertes Silber als Währung genutzt. „Der chinesische Staat hatte so keinerlei Kontrolle über das eigene Geld“, sagt Ökonom Stephen Green von der Standard-Chartered Bank. Der mangelnde Einfluss rächte sich in Form einer tiefen Rezession, als die Ausländer das Silber abzogen. Heute hat China nicht nur volle Kontrolle über die eigene Währung, es positioniert sie sogar als einen Grundstein des Finanzsystems – und dehnt seinen Einfluss weit über die Landesgrenzen hinaus aus.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Handelsblatt in China: Der Petro-Yuan"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @yoski

    Das mag ja alles sein, aber: so what?

    Wollen wir hier (die seit Jahrzehnten andauernde) versteckte Kolonialpolitik via Marionetten und "Rebellen" diskutieren bzw die Moral der Ausbeutung durch verschiedene Länder? Das ist jeweils ein sehr umfangreiches eigenes Thema und sollte daher hier ausgeklammert bleiben.

    Das Wesentliche bzgl der uns betreffenden Geopolitik jedenfalls ist: es findet gerade ein globaler Machtkampf der Anglo-Amerikaner und ihrer (mehr oder weniger freiwilligen) Vasallen gegen die aufstrebenden Mächte (damit meine ich auch bestimmte Entwicklungsländer) unter Führung Rußlands und Chinas statt - die sich gerade unter Druck zu einem Block zusammenschließen.

    Das ist noch kein heißer Welt-Krieg, aber all die Stellvertreterkriege (insbesondere im arabischen Raum - es geht um Gas und Gasleitungen) und der US-amerikanischen "War OF Terror" zusammen sollten eine klare Sprache sprechen: der 3. Weltkrieg hat schon lange begonnen (in anderen Worten: er läuft schon lange und unbemerkt).

    Dieser "Weltkrieg" muß nicht notwendigerweise in einen heißen Krieg münden. Im Moment wird er gerade in Form des chinesische Spiels "Go" gespielt, dh. es werden mehr oder (eher) weniger friedlich Einflußfelder "abgesteckt" und erobert. Nicht nur in der "Realwelt" sondern auch im Finanzbereich (wie auch der Mayer-Kuckuck-Artikel beschreibt). Sollte sich aus diesem Spiel alleine schon ein klarer Gewinner ergeben, und alle während des Spiels einen klaren Kopf behalten, dann war es das.

    Die Frage, die uns in Deutschland und (Kontinental)Europa hauptsächlich beschäftigen sollte ist, wo liegen unsere Interessen?

    Diese sollten "wir" wahrnehmen und nicht (vertreten durch unsere Marionetten) die Interesen der anglo-amerikanischen (oder etwas allgemeiner "westlichen") Geldeliten und natürlich auch nicht die von Rußland/China. Genau das sehe ich aber bei der gegenwärtigen Politik nicht.

  • Bürgerkrieg und Terror in Afrika sind nun wahrlich nichts Neues. Ausserdem sind die Chinesen in Sachen Ausbeutung noch ruecksichtsloser als die US.

  • Wolfowitz-Doktrin in den Worten der "Grauen Eminenz" der US-Geopolitik Brzezinski:

    Unser erstes Ziel ist es, das Wiederauftauchen eines neuen Rivalen zu verhindern, egal ob auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder anderswo, der eine ähnliche Bedrohung darstellt wie die Sowjetunion. Dies … erfordert, dass wir verhindern, dass eine feindliche Macht eine Region dominiert, deren unter Kontrolle gebrachten Ressourcen ausreichen würden, eine neue Weltmacht zu schaffen. Diese Regionen beinhalten Westeuropa, Ostasien, das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und Südwestasien. Zbigniew Kazimierz Brzezinski, Ex-US-Sicherheitsberater, 1997, The Grand Chessboard

    Hierzu nocheinmal in diesem Zusammenhang meine Liste der Interessen der USA in dem vor unserer Haustüre stattfindenden Ukraine-Konflikt, den die USA wohl jetzt nach der Wahl wieder stärker anheizen werden:

    a) Spaltung Europas (die alte „Teile und Herrsche“-Strategie, Verhinderung eines Eurasischen Wirtschaftsraums- entsprechend der alten britischen Heartland-Theorie)

    b) Beherrschung Europas (via Kontrolle seiner Energieträger) und Schwächung Rußlands

    c) Finanzkrieg und Dollarrettung: Verhinderung einer neuen, möglicherweise rohstoffgedeckten Leitwährung durch Rußland und China durch Einkreisung und Isolation dieser beiden Länder. Im pazifischen Raum gibt es mit China an der Stelle Rußlands eine ähnliche Situation mit Spannungen um Inseln (Seegebiete) und einem „Transpazifischen Freischwindel Abkommen“.

    d) Destabilisierung von Putins Regierung durch eine Niederlage im Ukraine-Konflikt und späterer Sturz (durch die routinierten Farben-Revolutionsprofis der US-NGOs)

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%