Handelsblatt On Tour
China ist Gewinnbringer für die deutsche Automobilindustrie

Welche Rolle spielt China für die deutsche Automobilindustrie? Und was bringt China VW? Jochem Heizmann, CEO von Volkswagen Group China spricht im Interview über Risiken und Zukunftschancen.
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Welche Bedeutung hat China für VW?
China bleibt der größte Treiber des globalen Marktwachstums. Die stärksten Wachstumsimpulse sehen wir aus heutiger Sicht in den kleineren und mittleren Städten. Dort besteht ein enormer Bedarf nach individueller Mobilität, die wir auch weiterhin mit einer großen Auswahl an neuen Modellen bedienen wollen. Dafür bauen wir unsere Kapazitäten in den Fabriken weiter aus, um die lokale Nachfrage zu decken. Diese Entwicklung zeigen auch die Absatzzahlen der ersten vier Monate: Als Konzern haben wir knapp 1,2 Millionen Fahrzeuge in China verkauft, das entspricht einem Wachstum von 17 Prozent.

Wie beurteilen Sie die Zukunftschancen?
Bis 2018 investieren wir mehr als zwei Drittel von 18,2 Milliarden Euro in modernste Fahrzeuge und Antriebe, in grüne Technologien und ressourcenschonende Werke. Wir peilen für das Gesamtjahr 2014 erneut ein zweistelliges Wachstum in China an und wollen erstmals über 3,5 Millionen Fahrzeuge an Kunden ausliefern (2013: 3,27 Millionen/+16,2 Prozent).

Dazu bringen wir in China alleine bis Ende 2014 über 30 neue Modelle, Nachfolger und Produktaufwertungen auf die Straße. Zudem bauen wir die Handelsnetze unserer Konzernmarken weiter konsequent aus: bis 2018 auf über 3.600 Händler und mehr als 500.000 Mitarbeiter.

Mit welchen Risiken muss VW in China rechnen und wie wappnen Sie sich?
Im vergangenen Jahr ist der Pkw-Markt in China um rund 17 Prozent auf 15,9 Millionen verkaufte Einheiten gewachsen, im ersten Quartal belief sich die Wachstumsrate auf über 13 Prozent. Mittel- bis langfristig von weiterhin zweistelligen Wachstumsraten auszugehen, ist unrealistisch, denn inzwischen ist die Absprungbasis höher. Im Vergleich mit anderen Regionen weltweit wird der Automarkt in China aber weiterhin stärker wachsen. Wenn wir beispielsweise bei 20 Millionen verkauften Fahrzeugen im Jahr angelangt sind und die Wachstumsrate fünf Prozent betragen würde, würde das immer noch eine Million verkaufte Fahrzeuge zusätzlich pro Jahr bedeuten. Der Fahrzeugmarkt in Deutschland liegt in Summe bei rund drei Millionen Pkw.
Das Umweltthema ist gesondert zu beachten. Es hat eine sehr hohe Priorität in China. Wenn die Luftverhältnisse in China verbessert werden sollen, und das ist ohne Frage notwendig, dann müssen alle – die Haushalte, die Industrie, die Energiewirtschaft usw.- ihre Verantwortung wahrnehmen und ihren Beitrag leisten. Von Seiten der Regierung gibt es bis 2020 ehrgeizige Ziele. Der Durchschnittsverbrauch soll auf fünf Liter pro 100 Kilometer gesenkt werden. Die Details gerade bezüglich der Berechnungsformeln sind noch unklar. Wir müssen in den kommenden Jahren kontinuierlich den Verbrauch weiter senken.
Aus diesem Grund machen wir unsere chinesische Flotte immer effizienter. So erfüllen bereits 17 Konzernmodelle die im Oktober 2013 vom chinesischen Staat überarbeiteten gesetzlichen Anforderungen für „Besonders Energie sparende Fahrzeuge“.
Auf der Peking Autoshow haben wir unsere große E-Mobilitätsoffensive für den Markt China gestartet. In diesem Jahr bringen wir den electric up! auf die chinesischen Straßen, gefolgt in 2015 vom Audi A3 e-tron und dem Golf GTE beide mit unserer innovativen Plug-In-Hybridtechnologie. Und wir legen nach: Ab 2016 bringen wir zusammen mit unseren Joint-Venture-Partnern zwei Plug-In-Hybride speziell für China auf den Markt – eine neue, große Mittelklasse-Limousine der Marke Volkswagen und den Audi A6.

Spielt die „middle income trap“ in Ihren Überlegungen eine Rolle: Wie bereitet sich das Unternehmen auf die Zeit vor, in der chinesische Verbraucher weniger konsumieren könnten?
Analysten prognostizieren die nächsten Jahre weitere Wachstumssteigerungen im Mark China. Im ersten Quartal hat das Bruttoinlandsprodukt Chinas um ca. 7,4 Prozent zugelegt, nach fast 7,8 Prozent vor einem Jahr. Auch wenn diese etwas weniger ist, wächst China im internationalen Vergleich nach wie vor kräftig. Die Politik in China ist gerade bestrebt, den Konsum stärker zu fördern. Die rein investitionsorientierte Wachstumsphilosophie wird von der Förderung des Binnenmarktes abgelöst. Dies bietet weitere Wachstumschancen für die Automobilindustrie. Mit steigendem Wohlstand gibt es immer mehr Bevölkerungsschichten, die sich zukünftig ein Auto leisten können.

Eine Ernst & Young Studie mahnt, dass die Abhängigkeit von China zu groß werden könnte. Wenn China hustet, bekommen wir eine Lungenentzündung“, heißt es darin. Wie sehen Sie diese Bedenken?
Wie bereist beschrieben, bleibt aus unserer Sicht China der größte Treiber des globalen Marktwachstums und die Wachstumslokomotive für die weltweite Automobilindustrie. Aus unserer Sicht wär das Risiko viel grösser, wenn wir nicht auf dem chinesischen Markt präsent wären. Mit unseren Investitionsprogrammen sehen wir uns für die Zukunft bestens aufgestellt. Aber natürlich arbeitet der Volkswagen Konzern daran, die Wachstumschancen überall auf der Welt zu nutzen und nicht nur in China.

Einblick: Leser und Redaktion des Handelsblatts gehen der Realität des Reichs der Mitte auf den Grund: Während 45 Teilnehmer der Reise “Handelsblatt on Tour“ einen einzigartigen Einblick in Wirtschaft und Lebensweise des asiatischen Riesen erhalten, bieten wir auch den daheim gebliebenen Lesern in einer sechsteiligen Serie einen Überblick über Chancen, Trends und Risiken.

Weitere Berichte und Eindrücke von der Reise finden Sie unter: www.handelsblatt.com/hbontour

Laura-Patricia Montorio
Laura-Patricia Montorio
Handelsblatt / Redakteurin

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