Reisetagebuch China
Wuxi und die Welt

Frank Sieren zählt zu den namhaftesten Chinakennern. Der Bestsellerautor führt die Handelsblatt-on-Tour-Reisenden durch das Land. Er meint: Im chinesischen Wuxi lernt man, was multipolare Weltordnung bedeutet.
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Wuxi ist eine kleine Stadt. Zumindest in China. Denn Wuxi hat gut vier Millionen Einwohner. Dennoch ist Wuxi eine wichtige chinesische Stadt. Nicht nur, weil sie 45 ICE-Minuten von Shanghai entfernt liegt, sondern vor allem, weil die Industriehochburg das zweithöchste Prokopfreinkommen Chinas hat. Damit ist auch Wuxis Parteisekretärin Huang Lixin eine mächtige Frau, die weit über ihre Provinz hinausstrahlt.

Locker und souverän empfängt sie uns in einem Bau, der an Volumen dem deutschen Kanzleramt in nichts nachsteht. Frau Huang lässt sich auch durch unsere bohrenden Fragen nicht aus der Ruhe bringen: Ob sie denn noch Kommunistin sei, bei all dem kapitalistischen Boom? Klar, antwortet sie. Als Kommunistin müsse sie den Menschen Wohlstand bringen. Von Gleichheit ist nicht mehr die Rede.

Wir im Westen neigen noch dazu, China in unsere manchmal sehr binäre Begriffswelt einzusperren. Kommunisten oder Kapitalisten, Demokratie oder Diktatur. Freiheit oder Unterdrückung. Zutreffendes bitte ankreuzen. Die Wirklichkeit liegt nicht nur im Graubereich, die Begriffshüllen füllen sich auch mit neuen Inhalten. Wir müssen uns darauf einstellen, dass nicht nur Frau Huang, sondern viele Menschen in China inzwischen eigene Vorstellungen von dem entwickeln, was Freiheit, Demokratie oder Diktatur ist.

Freiheit bedeutet in China viel weniger, dass jeder machen kann, was er will. Viel eher wird akzeptiert, dass die eigene Freiheit eingeschränkt wird, wo sie die Freiheit anderen gefährdet. Darüber müssen wir reden mit den Chinesen. Auch, wenn für uns im Westen nicht verhandelbar ist, dass Menschen, die wegen ihrer oppositionellen Meinung eingesperrt werden. So wie jetzt wieder vor dem 25. Jahrestag der Niederschlagung der Freiheitsbewegung am Platz des Himmlischen Friedens übermorgen.

Vieles andere steht zur Diskussion: Bedeutet Freiheit, dass wie die Ressourcen und dass vor allem das Geld der nächsten Generation ungestraft ausgegeben werden darf. Bedeutet Freiheit, dass Banken weltweit machen können, was sie wollen, die Gewinne einstreichen, während der Staat die Verluste tragen muss?

Das sind Fragen, die sich junge Chinesen heute noch intensiver stellen als wir im Westen, weil sie als Teil einer aufsteigenden Großmacht schauen, wer was in der Welt am Besten macht. Dabei wollen sie sich von uns nicht mehr bevormunden lassen. Sie wollen genauso urteilen wie wir.

Und, da sie mehr sind als wir, werden die auch mehr Entscheidungsmacht entwickeln. Wenn es um die Spielregeln der Weltgemeinschaft geht ebenso, wie bei technischen Standards für Maschinen oder der Frage, wie die Konsumprodukte der Zukunft aussehen. Darauf müssen wir uns einstellen. Je früher desto besser. Die Teilnehmer unserer Handelsblatt on Tour Reise haben das nun nicht nur verstanden, sie sind inzwischen auch überzeugt davon, dass eine multipolare Welt, auf Dauer die bessere Welt ist.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

Kommentare zu " Reisetagebuch China: Wuxi und die Welt"

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  • Zitat: "Bedeutet Freiheit, dass wie die Ressourcen und dass vor allem das Geld der nächsten Generation ungestraft ausgegeben werden darf. Bedeutet Freiheit, dass Banken weltweit machen können, was sie wollen, die Gewinne einstreichen, während der Staat die Verluste tragen muss?"

    Das ist doch genau das, Herr Sieren, was in China passiert! Es kann Ihnen doch nicht entgangen sein, dass Wuxi zu den mit Abstand hoechsten verschuldeten Staedten in China gehoert. Schon mehrfach hat es Aussetzer bei den Gehaltszahlungen im oeffentlichen Dienst in Wuxi gegeben. Wuxi ist auch der Ort einer der spektakulaersten Pleiten in China 2013, Suntech. Und da wollen Sie dem geneigten Leser verkaufen, dass die Chinesen evtl. das oekonomische Rad neu erfunden haben? Mit dem halsbrecherischen Finanzgebaren der chinesischen oeffentlichen Hand koennen Sie auch Westrhauderfehn in Ostffriesland im Handumdrehen in eine bluehende Grossstadt verwandeln.

    Die Belastung durch die enorme Verschuldung wird auf die naechste Generation der Steuerzahler uebertragen. Keinerlei Unterschied zu den USA oder Japan.

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