_

Internationale Presseschau vom 14.10.2008: Der Staat ist kein Nikolaus

Die internationale Wirtschaftspresse nimmt Stellung zu den in Deutschland und Großbritannien geplanten, Milliarden schweren Rettungspaketen für Banken. Forbes meint, dass der IWF keine Existenzberechtigung mehr besitzt. Der Wiener Standard sieht in Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman den neuen Keynes. Fundstück: Das Leid der Frauen in der Krise.

Ein Blick in die internationale Wirtschaftspresse.
Ein Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Die Süddeutsche Zeitung fordert die deutsche Regierung dazu auf, künftig enormen Einfluss auf die von ihr mit einem 500-Milliarden-Rettungspaket gestützten und finanzierten Banken zu nehmen. "Es kann nicht sein, dass der Staat nur als eine Art Nikolaus auftritt, einen gewaltigen Geldsack ausschüttet, ein paar Mahnungen ausspricht und sich dann wieder trollt." Denn die Verantwortung des Staates könne nicht nur darin bestehen, für ungeheuere Summen geradezustehen, sondern auch zu klären und zu fragen, wer für das Desaster geradestehe. "Es gibt so viele Fragen, zum Beispiel die: Wer hat eigentlich und warum die sogenannten Zweckgesellschaften genehmigt, mit denen die Banken, am Abkommen Basel II vorbei, ihre dubiosen Geschäfte gemacht haben?" So stehe die spanische Bank Santander in der globalen Finanzkrise glänzend da - weil sie solide gewirtschaftet habe, aber auch, weil die spanische Regulierungsbehörde die Gründung solcher Zweckgesellschaften nicht genehmigt habe. "Wer hat in Deutschland dieses Casino-Spiel zugelassen und geduldet und warum?" Das gehöre zu den Fragen, die man sich am "Grab des Turbokapitalismus" stellen müsse: "Wir erleben gerade eine der teuersten Beerdigungen der Weltgeschichte."

Anzeige

Die Wirtschaftswoche wertet das deutsche Bankenrettungspaket als "bittere Medizin". Zwar hätten Deutschlands Banken noch nie zuvor eine Geldspritze in dieser Größenordnung erhalten, doch sei der Vorschlag, dass die Regierung im Gegenzug Anteile an den Banken erhalte, eine bittere Pille für die Banker: "Sie ist wichtig, denn dadurch sichert sich Berlin Mitspracherechte und kann darauf hoffen, einen Teil des ausgegebenen Geldes wiederzubekommen, wenn das Rettungspaket wirkt." Bitter sei die Medizin aber auch für den deutschen Staatsbürger: "Die Geldspritze ist 47 Mal so groß wie das zusätzliche Ausgabenpaket für Bildung, das die Bundesregierung nach Informationen des Handelsblatts plant. Das Geld, das im Kampf gegen die Finanzkrise ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle und es erhöht die Schuldenlast des Bundes." Doch nicht zu handeln oder zu wenig zu tun wäre für die Allgemeinheit noch teurer. "Jetzt muss alles getan werden, um die kollabierten Finanzmärkte wiederzubeleben."

Gordon Browns großes Verdienst um die Rettung der europäischen Banken - und damit möglicherweise die Rettung des Weltfinanzsystems - würdigt der soeben mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnete Paul Krugman in der New York Times. "Die britische Regierung war bislang so etwas wie ein Junior Partner in der Diskussion über die Bewältigung der Krise. Nun hat sie so klug und entschieden gehandelt wie keine andere Regierung zuvor, selbst die amerikanische nicht." Während die anderen herumlaviert hätten, seien Brown und sein Schatzkanzler Alistair Darling zum Kern des Problems vorgedrungen: Sie beschlossen, große Mengen an Kapital in britische Banken zu pumpen, abgesichert durch Garantien für von Bank zu Bank bestehende Schulden, um diesen so wichtigen Mechanismus wieder zum Laufen zu bekommen." Inzwischen seien andere europäische Regierungen dem Plan gefolgt, ja sogar US-Finanzminister Henry Paulson sei umgeschwenkt. "Glücklicherweise scheinen Gordon Brown und seine Berater bei Vernunft und in der Lage zu sein, uns den Weg aus der Krise zu zeigen."

Die Times aus London kritisiert dagegen, dass die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien den ursprünglichen Plan zur Rettung der britischen Banken konterkarierten. "Ziel war es, die Banken dazu anzuhalten, Kapital zu gewinnen, z.B. von ihren Anteileignern. Stattdessen wird der Staat nun bedeutende Anteile an der Royal Bank of Scotland und HBOS übernehmen." Zwar habe die Regierung viel mehr Kontrolle und könne in den betreffenden Instituten die Lohn- und Dividendenpolitik beeinflussen. Doch der viel gepriesene Bankenrettungsplan von Gordon Brown, den andere europäische Länder nun mehr oder weniger kopierten, habe damit letztlich keinen Einfluss auf das Vertrauen gehabt. Das zeige sich auch bei den Krediten, die sich Banken untereinander gewähren: "Die dafür veranschlagten Zinsen sind zum Ende der vergangenen Woche sogar gestiegen." Trotz kurzzeitiger Erholung an den Aktienmärkten seien weitere Kurseinbrüche zu erwarten - was das Vertrauen in die Banken nicht gerade befördern werde.

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.