_

Presseschau: Bittere Enttäuschung für die grüne Seele

Die internationale Presse kommentiert das Ja der Baden-Württemberger zu Stuttgart 21: Die Volksabstimmung sei eine Niederlage für die Grünen, ein Sieg für Bundeskanzlerin Angela Merkel - und bringt ein neues Dilemma.

„Es ist ein Ergebnis, das Klarheit schafft - endlich. Wenn es überhaupt einen Ausweg aus der verfahrenen Debatte gab, dann diesen - trotz aller Unzulänglichkeiten des Verfahrens“,  kommentiert die Stuttgarter Zeitung das Ergebnis der Volkabstimmung über das Projekt Stuttgart 21. Nun seien alle aufgerufen, den demokratischen Entscheid des Volkes, der nach demokratischen Entscheidungen der Parlamente erfolgte, als Schlusspunkt zu respektieren. Auch wenn es sicher weitere Proteste und Aktionen geben werde, könne nun niemand mehr behaupten, dass er der eigentlichen Mehrheit im Volk Ausdruck verleihe. Für die grüne Regierungspartei sei das Ergebnis eine klare Niederlage, doch Ministerpräsident Winfried Kretschmann könne längerfristig mit diesem Wahlausgang wohl besser leben. Wenn eine Mehrheit für den Ausstieg aus Stuttgart 21 gestimmt hätte, ohne das Quorum zu erfüllen, hätte das seiner Partei „eine Zerreißprobe“ beschert.

Anzeige

Als Sieg des alten „CDU-Filzes“ in Baden-Württemberg wertet der Stern das Ergebnis der Volksabstimmung: „Die CDU war im März in Baden-Württemberg abgewählt worden – nach 58 Jahren eine historische Wahlschlappe. Jetzt, mit der Abstimmung zu Stuttgart 21, war für sie die Stunde der Rache gekommen. Und die CDU hat sie genutzt.“ Dass der Tiefbahnhof nun gebaut werde, sei aber auch ein ganz besonderer Sieg von Angela Merkel. „An diesen Tiefbahnhof entscheide sich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands, hatte die Kanzlerin erklärt. Mit diesem Sieg kann sie die Grünen jahrelang quälen.“ Kretschmann hingegen sei Sieger und Verlierer zugleich. Zum einen habe er gewusst, wie diese Volksbefragung ausgehen werde: „Sie lässt ihn an der Macht.“ Zum anderen habe er sich innerhalb von nur wenigen Monaten vom strahlenden Wahlhelden zum Maulhelden entzaubert. Sein Wahlversprechen, die Zahlungen des Landes an die Bahn einzustellen, weil sie „verfassungswidrig“ seien, habe er nämlich kurz nach Amtsantritt gebrochen, mit den Worten: „Da habe ich den Mund zu voll genommen.“

„Was lange ein Treppenwitz bei den Konservativen war, wird nun Realität: Ein grüner Ministerpräsident muss den Bau des bei der Öko-Partei verhassten Tiefbahnhofs unterstützten“, schreibt die Süddeutsche. Kretschmann habe dagegen gekämpft und verloren. Er werte die Volksabstimmung als „Sieg für die Demokratie“, doch dass nun die Bahn Baurecht habe und die Landesregierung gewährleisten müsse, dass sie bauen kann, dürfte manch Grünem in den Ohren geklingelt haben. Das „Wunder von Kretschmann“ sei ausgeblieben. Der Konflikt werde aber wohl noch eine Weile weitergehen. Zumindest für die Parkschützer, jene S21-Gegner, die dem Projekt besonders unversöhnlich gegenüber stünden.

„Welch ein Dilemma: Ohne den Protest gegen Stuttgart 21 wäre Winfried Kretschmann im März niemals zum ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt worden“, meint das Westfalen-Blatt. Das deutliche Ergebnis der Volksabstimmung zeige, dass sich die Baden-Württemberger für den Fortschritt und die Schaffung von Arbeitsplätzen entschieden und ihr Land vor einer Blamage bewahrt haben. Für die Grünen sei die Niederlage bitter: Stuttgart 21 mache aber auch deutlich, dass die Grünen, wenn sie einmal in Regierungsverantwortung sind, plötzlich in Konflikte geraten. „Dass unter ihrer Regie nun ein Bahnhof gebaut wird, gegen den sie selbst so vehement gekämpft haben, trifft ihre grüne Seele besonders hart.“  Stuttgart werde nicht zur Ruhe kommen, mutmaßt das Blatt, neue Proteste und Demonstrationen seien angekündigt. „Die Landesregierung muss sich auf alles gefasst machen. Und für den grünen Ministerpräsidenten und seine neue Baustelle hat der Stresstest längst begonnen.“

  • 01.12.2011, 08:01 UhrAnonymer Benutzer: oldendorp

    ............
    STUTTGART 21
    ............
    es ist ein treppenwitz der der parteiengeschichte, dass
    die GRUENEN quasi per volkseibscheid ihr zentrales wahl-
    kampfversprechen brechen und WINFRIED HERMANN seine über-
    zeugung stein für stein über bord werfen wird..!!
    .......................................................

  • 28.11.2011, 11:59 UhrAnonymer Benutzer: Sprengmeister

    Eine Zweitwohnsitzsteuer gibt es schon lange in anderen Städten. Dies ist eher ein Instrument um in Hochschul- oder Unistädten die Studenten zu gängeln. In meiner Studienstadt wurden sogar 100€ Bonus für eine Erstanmeldung bezahlt. Dies hat lediglich etwas mit der Kreisumlage zu tun, als mit S21!

  • 28.11.2011, 11:45 UhrAugenlicht

    BW ist scheinbar doch nicht die Keimzelle der direkten Demokratie in Deutschland. Wäre ja auch verwunderlich gewesen.
    Spätestens in ein paar Monaten werden die Befürworter ihre Entscheidung im eigenen Portemonaie zu spüren bekommen. Dann geht das große Gejammer wieder los " Aber mir habbe doch die 1,5 Mrd. gespart". Wieso jetzt noch mehr Abgaabe".In Freiburg wird bereits 2012 eine Zweitwohnungssteuer erhoben und so weiter und so fort. Herzlichen Glückwunsch BW. Ihr seid so viel schlauer als der ganze Rest der Republik.

  • Kommentare
Kommentar: Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran-Krise bedroht die Weltwirtschaft

Iran ist bei den Atomgesprächen erneut auf Konfrontationskurs gegangen. Jetzt ist schnelles Handeln gefordert. Kommt es zum Konflikt, stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Kommentar: Was traurige Bilder nicht erzählen

Was traurige Bilder nicht erzählen

Die ARD nimmt in einer Dokumentationsreihe die Arbeitsbedingungen bei prominenten Konzernen aufs Korn. Damit steigt die Chance auf Besserung der Firmen. Gemachte Fortschritte bleiben oft verdeckt.

  • Kolumnen
Dutschke spricht: The War on Women

The War on Women

Frauen werden in den USA noch immer stark benachteiligt. Das reicht von überteuerten Konsumprodukten für Frauen bis hin zur restriktiven Abtreibungsrichtlinien. Beim Schutz der Frauen hinken die Amerikaner uns hinterher.

Was vom Tage bleibt: Die Tage des „Bankjogs“ nahen

Die Tage des „Bankjogs“ nahen

In Spanien mehren sich Krisensymptome, sodass Banker über den gefürchteten „Bankrun“ nachdenken. Ganz so schlimm wird es nicht. Allerdings ist auch die Vatikanbank mit sich selbst nicht im Reinen. Der Tagesbericht.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Gastbeiträge
Essay Jürgen Fitschen: Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Sünden der Finanzwirtschaft

Die Finanzbranche hat massiv an Ansehen verloren. Ohne sie würde unser Wirtschaftssystem aber zusammenbrechen, sagt Jürgen Fitschen. Ein Essay des designierten Co-Chefs der Deutschen Bank über die Zukunft der Branche.

Gastbeitrag: Gut gemacht, Chefin!

Gut gemacht, Chefin!

Angela Merkel führt ihre Regierung, wie es in der Wirtschaft gang und gäbe ist. Und doch hagelt es Kritik. Dabei handelt Merkel nur wie ein Manager. Endlich mal - sagt einer der bekanntesten Headhunter Deutschlands.

Otmar Issing: Keine Experimente mit der Inflation

Keine Experimente mit der Inflation

Um zu überleben muss die Währungsunion zum Gleichgewicht zurückfinden. Von Deutschland zu fordern, die eigene Wettbewerbsstärke zu verwässern, ist aberwitzig. Aber es gibt andere Lösungen.

  • Presseschau
Presseschau: „Spaniens Tage sind gezählt“

„Spaniens Tage sind gezählt“

Die Verstaatlichung der spanischen Großsparkasse Bankia ist nach Medieneinschätzung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die entscheidende Frage sei, wie Spanien die Rettungsmaßnahmen bezahlen wolle. Die Presseschau.