Presseschau

„Vergessen Sie die Grundsätze des freien Marktes“

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Das Finanzsystems ist Grund des Übels

Das bestehende Finanzmarktsystem hinterfragt Bloomberg: „Vergessen Sie die Grundsätze des freien Marktes, worauf es jetzt ankommt ist, ob die Regierungen den Willen haben und in der Lage sind, das System zu retten.“ Die Entscheidung der Fed, die Zinsen bis Mitte 2013 bei nahe Null zu lassen, habe die Märkte nur kurzzeitig belebt. Nun zeige der der Streit zwischen der American International Group und er Bank of America (erstere verklage letztere auf zehn Milliarden Dollar wegen Wertpapierbetrugs), dass z. B. die US-Regierung nichts dazugelernt habe: „Immerhin gehören ihr 76,7 Prozent an AIG, wie kann sie zusehen, dass AIG die BoA derart unter Beschuss nimmt?“ Viele Banken in den USA und in Europa würden nur noch zu Bruchteilen ihrer Buchwerte gehandelt und seien unterfinanziert. Die Hoffnung, die Banken könnten gesunden, mithilfe von Steuergeldern und niedriger Zinsen, habe sich nicht erfüllt. „Werden wir genügend Geld haben, um das Finanzsystem, wie wir es zu kennen, zu retten?“

Auch das französische Wirtschaftsblatt Les Echos sorgt sich um das bestehende Finanzsystem und die Rolle, die Staaten spielen. Denn nicht Banken selbst ließen Zweifel aufkommen, wie 2008, sondern Regierungen. „Dass französische Banken jetzt von der Krise bedroht sind - während sie in 2008 noch recht sicher standen - liegt nicht an ihnen allein.“ So hätten Frankreichs Banken seit 2008 ihr Eigenkapital gemehrt, z. T. gar verdoppelt. Sie hätten sich von risikoreichen Finanzprodukten getrennt und seien mit großen Liquiditätsreserven ausgestattet. „Was sie aber gefährdet, sind die griechischen und italienischen Staatsanleihen, die sie halten. Es ist die finanzielle Instabilität von Staaten, die heute Zweifel am Bestehen des Finanzsystems nähren.“ 2008 habe Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erklärt, dass der Staat die Sicherheit und die Fortexistenz des französischen Banken- und Finanzsystems garantiere. „Heute könnte Sarkozy das nicht mehr sagen. Heute ist der Staat das Problem.“

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Der Absturz einiger Bankaktien beunruhigt den indischen Financial Express. Papiere der Crédit Agricole, Citigroup, Société Générale und der Bank of America hätten alle um mehr als 25 Prozent innerhalb von zwei Wochen verloren. Die Gründe dafür seien nicht klar auszumachen. Vielleicht liege es am Phänomen der kollektiven Dynamik, die dann entsteht, wenn Gerüchte auftauchen und es heißt „die Verkäufer wissen etwas Bestimmtes“. Alle steckten sich dann gegenseitig mit Misstrauen an – so etwas habe bereits in der Vergangenheit Kursabfälle verursacht. Vielleicht seien auch „Was-wäre-wenn“-Gedankenspiele schuld an den niedrigen Kursen: Was wäre, wenn die Rettung der Eurozone zu kostspielig wird oder der schwache Dollar die US-Finanzen noch mehr belastet? Was wäre, wenn Banken, die Regierungshilfen bekommen, das Eigenkapital ausgeht? Selbst wenn die Banken unverschuldet keinen Zugang zu größeren finanziellen Mitteln mehr haben, hätten Investoren Probleme mit der Situation. Eine plausiblere Erklärung für den plötzlichen Kursabsturz der Bankaktien sei aber wohl die Arbeitsweise der Finanzmärkte. Doch Gerüchte seien für Banken sehr gefährlich. Finanzielle Ängste könnten sehr leicht heraufbeschworen werden und schnell eine ganz eigene Dynamik entfalten. 

  • 15.08.2011, 09:34 UhrRon777

    Eurobonds sind volkswirtschaftliche Massenvernichtungswaffen. Neben den Zinsaufschlägen für Deutschland, die sich bei einer gemeinsamen Bruttoinlandprodukthaftung von 60-Prozent auf derzeit 50 Mrd. Euro belaufen, wird Deutschland bei Einführung dieses Systems sein AAA-Rating verlieren und auch für den Rest der Bundesschulden höhere Zinsen - vielleicht in Summe 10 Mrd. - zahlen müssen. Sollte sich die wirtsch. Situation in den vielen Krisenländern weiter verschlechtern - und wer zweifelt daran eigentlich noch? - könnten aus diesen 60 Mrd. durch weitere Zinsspreizungen schnell 100 Mrd. Euro jährlich und zeitlich unbegrenzt werden. Nachträglicher Ausstieg unmöglich! Aber es wird noch schlimmer kommen: Einzelne Eurobondländer - z.B. Italien - werden trotz dieser Hilfsmaßnahmen in Teilen zahlungsunfähig werden und ihre Zinsen auf die Bonds nicht mehr bedienen können. Die 1,1 Billionen (!!!) an Eurobond-Schulden von Italien müssten dann von anderen Eurobondländer mitbedient werden - hier greift das Prinzip der gemeinsamen Haftung. Summen lassen sich hier nur noch schätzen, aber allein für diese Schulden könnten dann bis zu 40 Mrd. Euro an Zusatzbelastungen jährlich und bis in alle Ewigkeit entstehen. Nur für Italien! Sollten dann weitere Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien usw. folgen, löst sich der Euro trotz Bonds in Antimaterie auf - leider auch die deutsche Volkswirtschaft! Denn unser Bundeshaushalt beträgt gerade einmal 300 Mrd. Euro! Eine nette Referenzgröße, die klar macht, dass die Situation schon jetzt völlig eskaliert ist.

  • 15.08.2011, 09:40 UhrRon777

    Eurobonds als Heilmittel zu sehen, ist doch ein völlig kurzfristiger Blick. Die Schulden wachsen weiter, die europäischen Fehlstrukturen bleiben im Wesentlichen erhalten, am Ende zerstört sich das ganze System selbst. Wir müssen endlich wirklich mal über den Tellerrand denken. Was hat Deutschland der Euro gebracht? Bei ehrlicher Betrachtung äußerst wenig. Was hat den Krisenstaaten der Euro gebracht? Nach einem Jahrzehnt Suase eine nun nicht endende Wirtschaftskrise, die auch durch Eurobonds nicht therapierbar ist. Warum wird hier trotzdem für Eurobonds geworben? Weil Banken und Spekulanten wie Soros weiter ihren Schnitt machen wollen. Sie kommen über Eurobonds an das Vermögen der noch solventen Staaten. Es ist eben eine Bürgschaft wie sie sich Banken auch von Verwandten von Schuldnern ausstellen lassen. Am Ende werden dann alle gepfändet.

  • 15.08.2011, 09:46 Uhrempire2002

    Tschüss Deutschland, das war es. Sobald wir die Eurobonds haben, können wir ja gleich den Verfassungsschutz auflösen. Der hat ja noch nie sich zu Wort gemeldet.

    Noch besser wäre es natürlich, wenn wir gleich unsere ganze Verfassung wegschmeißen, und eine neue einführen. Wie wäre es mit: Alles gehört allen.

    Und als neue Fahne schlage ich die Eurofahne mit Hammer, Sichel und Ehrenkranz in der Mitte vor. Die ist den Meisten schon bekannt.

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