Für die Börsen-Zeitung ist der gestern verurteilte Ex-IKB-Chef Stefan Ortseifen nur ein Bauernopfer. Die Investitionen in strukturierte Wertpapiere seien seinerzeit vom Aufsichtsrat gedeckt worden - dieser sei seiner Kontrollfunktion nicht angemessen nachgekommen, obwohl die Kapitalseite im Aufsichtsrat nur so von wirtschaftlichem Sachverstand gestrotzt habe. Auch die Bankenaufsicht habe sich nicht zu einem tieferen Blick in die Bücher der IKB samt der von ihr gemanagten außerbilanziellen Zweckgesellschaften veranlasst gesehen.
Als "Schuldspruch zweiter Klasse" wertet die Financial Times Deutschland die Verurteilung. Im IKB-Prozess sei eine Chance zur Aufarbeitung der Finanzkrise vertan worden. Denn der Vorwurf der Untreue im Zusammenhang mit den Fehlspekulationen der Bank mit US-Ramschhypotheken hatten die Staatsanwälte schon im Vorfeld mangels Beweisen fallen lassen. "Die strafrechtliche Aufarbeitung der Finanzkrise steht und fällt aber mit der Beantwortung der Frage, ob sich Bankvorstände der Untreue strafbar machten." Als Ursache für die fehlende Untreue-Anklage vermutet das Blatt den großen Erfolgsdruck der Staatsanwälte, die sich, um Beweise für Untreue zu finden, noch tiefer in die komplexe Materie hätten einarbeiten müssen - was Zeit gekostet hätte.
Mit dem Strafrecht sei die Verantwortung für die Krise nicht zu fassen, kommentiert das Manager Magazin . Sowohl in diesem Prozess als auch in den anderen Fällen, die womöglich bald vor Gericht kommen - ob Hypo Real Estate, BayernLB, HSH Nordbank, SachsenLB oder LBBW - stünden vergleichsweise kleine Details im Fokus der Juristen. Die Finanzkrise sei nicht entstanden, weil Regeln gebrochen wurden. Das eigentliche Übel sei die massenhafte Fehlspekulation. "Und die entstand gerade, weil die allermeisten den geltenden Regeln folgten - den gesetzlichen natürlich, vor allem aber den Regeln des Marktes. Und da darf niemand die Gelegenheit verpassen, an einer Rally zum Beispiel auf amerikanische Hauspreise mitzuverdienen."
"Das Urteil ist ein Signal, dass der Staat Vorständen von Aktiengesellschaften bei ihrer Informationspolitik genau auf die Finger schaut - und bereit ist, Verstöße streng zu ahnden", zeigt sich die Wirtschaftswoche milder in ihrem Urteil. Dies stärke den Finanzplatz Deutschland und die Aktienkultur, gerade nach den Skandalen der vergangenen Jahre. Doch Signalwirkung für andere Fälle habe das Urteil kaum, denn dort ermittelten Staatsanwälte gegen zahlreiche Top-Banker wegen des Verdachts auf Untreue. Immerhin für die IKB-Aktionäre sei der Richterspruch ein wichtiger Meilenstein. Nachdem ihre Schadensersatz-Klagen in erster Instanz bisher stets abgewiesen worden seien, dürfte jetzt neue Bewegung in die Sache kommen.