Buchtipp Harley-Davidson Reader
Von Arschlochschaltungen und Selbstmordkupplungen

Die verrückte Liebe zur brüllend lauten Mixtur aus Sofa und Rakete verbindet Harley-Davidson-Fans schon seit 110 Jahren. Wer wissen will, was es mit dem Mythos auf sich hat, findet in einem Buch ungewöhnliche Antworten.
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DüsseldorfKein erfolgreiches Harley-Buch ohne Bilder. An diese goldene Regel hält sich auch "Der Harley-Davidson Reader" aus dem Verlag Delius Klasing, eines von insgesamt vier Büchern zu den amerikanischen Zweirad-Klassikern, das die Bielefelder Motor- , Radsport- und Segel-Spezialisten im aktuellen Fundus parat halten. Doch es sind nicht die teils sehr ungewöhnlichen historischen Aufnahmen, Comic-Cover und Werbeplakate (168 auf 348 Seiten), die das Buch auszeichnen, es ist sein ebenso literarischer wie unterhaltsamer Ansatz.

Ein Motorradbuch für Harley-Fans, in dem literarische Texte im Vordergrund stehen? Ein mutiger Ansatz, des Verlags Delius Klasing, doch es fällt ungemein leicht darin schmökern, denn die Lektüre verbindet hohen Informationsgehalt mit bester Unterhaltung. Da ist zum einen die Auswahl der Autoren, die für unterschiedlichste Sichtweisen und Textstile ebenso wie für individuellste Erfahrungen und eindrucksvolle Anekdoten steht. Versammelt werden mit Hunter S. Thompson, Evel Knievel, Arlen Ness, Craig Vetter, Peter Egan, Bill Hayes, Sonny Barger, Jean Davidson (und vielen anderen) unglaublich schräge Typen, die alle ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der Marke aus Milwaukee gesammelt haben.

Herbert Wagner schreibt über das erste Harley-Motorrad, Tobe Gene Livingstone berichtet zungenfertig von Arschlochschaltungen und Selbstmordkupplungen, Gonzo-Journalism-Erfinder Hunter S. Thompson berichtet über seine frühen Tage bei den Hells Angels und Samantha Morgan schildert ihr Leben als Motodrom-Girl. Das ganze gleicht dem zum Teil absurden Trip, den Billy und Captain America auf ihren gechoppten Harleys im Kino-Klassiker "Easy Rider" erleben.

Und diejenigen, von denen da so lebhaft berichtet wird, sind teils schon Legende: marodierende US-Kriegsveteranen, One-Percenter und andere Outlaws, Elvis Presley, Jimi Hendrix, Che Guevara, Clark Gable, und viele andere. Das ganze ist schon sehr lebendig, praktisch das Gegenteil zu einem Gang durch ein verstaubtes Firmenarchiv. Was natürlich auch daran liegt, das vor allem diejenigen, die selbst als gesellschaftliche Außenseiter bezeichneten oder fühlten, öfter zur Harley als zu einem anderen Motorrad griffen.

Einblicke in die alte und neue Rockerszene fehlen im Reader ebenso wenig, wie treffsichere und wortgewaltige Insider-Erklärungen, was denn eigentlich den Mythos Harley seit Jahrzehnten auch für das bürgerliche Lager so attraktiv macht.

Manche Geschichte erzählt von den Ursprüngen der Legende, die Enkelin des Firmengründers schreibt von der Harley als Familienmitglied und allgegenwärtigen Rockern in der guten Stube. Viele echte Harley-Typen, wie Sonny Barger oder Biker Billy, schreiben von ihren Nachtfahrten, vom Zirkus, von Motorradbräuten, und natürlich von Freiheit und Motorengedröhn der selbst zusammengeschraubten Bopper und Chopper. Über die Historie der Marke erfährt man so auf indirekte, auf besonders lebendige Art einiges, wie auch über den aktuellen Trend zu Retro-Bikes.

Dazu kommt eine lockere Gestaltung. Ein rascher Wechsel von Bildern und Texten, großformatige Zitate (von Lawrence von Arabien bis Arlo Guthrie) führen dazu, dass man den Reader kaum auf einmal durchliest, sondern ihn immer wieder hervorzieht, um mal wieder ein spannendes Kapitel zu erleben, wenn die Maschine ausnahmsweise schweigt. Und das beste: Man muss gar kein Harley-Fan sein, um diese Lektüre voll zu genießen.

Hunter S. Thompson, u.a.
"Der Harley-Davidson Reader"
Vorwort von Jean Davidson
348 S., 28 Farbfotos, 73 S/W-Fotos, 67 farbige Abbildungen, 22 S/W-Abbildungen,
Format 21x23,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag, 29,90 Euro
ISBN 978-3-7688-5337-8
Delius Klasing Verlag, Bielefeld

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor

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