Concorso d’Eleganza Villa d’Este
Frühe Abenteuer auf zwei Rädern

Die Motorräder gewinnen beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este zunehmend an Bedeutung. Das liegt weniger an den Studien.
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88 Jahre ist es her, dass erstmals eine mobile Schönheitskonkurrenz im Park der Villa d’Este am Ufer des Comer Sees über die äußerst repräsentative Bühne ging. Natürlich ging es 1929 und in den Folgejahren nicht um Motorräder, sondern um die seinerzeit noch weitaus jüngeren und viel repräsentativeren Automobile. Und zwar primär nicht um solche, die bereits ein oder zwei Jahrzehnte auf dem Buckel hatten, sondern um zeitgenössische.

2011 erst öffnete sich der „Concorso d’Eleganza Villa d’Este“, wie die automobile Pretiosenschau mit vollem Namen heißt, den Zweirädern. Und zwar so gut wie ausnahmslos den historischen. Das ist auch im siebenten Jahr, in dem die oft an die 100 Jahre alten „Motociclette“ in den weitläufigen Parkanlagen zu sehen sind, nicht wesentlich anders. Aber immerhin: Eine von vier Klassen beschäftigt sich mit Studien bzw. Conceptbikes, die erst in jüngster Zeit entstanden sind. Alt und Neu haben zueinander gefunden am Comer See.

Es sind schöne Geschichten, die im oberitalienischen Ausstellungsparadies erzählt werden. Herausragend die der 250-er Puch, prominentes Mitglied der Kategorie „Dreams & Adventures – Motorcycles of the 1920s and 1930s for the Great Journey“.

Aber ältestes Motorrad ist eine 1926 vom längst vergessenen Hersteller Gillet hergestellte Einzylinder-Zweitaktmaschine; sie führt ihre Bestimmung bereits in der Modellbezeichnung „Tour du Monde“, also Weltumrundung. Erst sechs Jahre zuvor war Gillet in Lüttich gegründet worden, doch schon vor 100 Jahren lockte die Entdeckungsreise auf zwei Rädern – auch unter Marketing-Gesichtspunkten. Ein weitum bekanntes Beispiel ist dafür das Modell G.T. mit der Zusatzbezeichnung „Norge“ von Carlo Guzzi; der Chef von Moto Guzzi ist 1928 mit dem Prototyp zum Polarkreis gefahren.

Im Falle der Gillet durfte es etwas mehr sein. Zu verdanken hatte Firmenchef Léon Gillet den Einsatz der 347-ccm-Maschine einem Journalisten: Der Pariser Robert Sexé bevorzugte das belgische Motorrad für seine Fernreisen, 1924 nach Konstantinopel, 1925 nach Moskau und 1926 schließlich für seine Weltumrundung.

Die Gillet „Tour du Monde“ ist zumindest das älteste heute noch existierende Weltumrundungs-Bike. Auf zwei identischen Fahrzeugen legten Sexé und der Mechaniker Henry Andrieu zwischen 13. Juni und 4. Dezember 1926 jeweils 22.000 Kilometer auf eigenen Achsen zurück.

Auch wenn diese Leistung von vor 91 Jahren auch heute noch in die Kategorie „unfassbar“ fällt, so blieb der im Originalzustand von 1926 erhaltenen Gillet die allergrößte Anerkennung auf dem Concorso d’Elegana Villa d’Este doch versagt: Sie siegte zwar – verdient – in der Abenteuer&Touring-Kategorie, doch für den prestigeträchtigen Titel „Best of Show“ reichte es dann doch nicht.

Den schnappte ihr eine 1933 erbaute Puch 250 T weg, die wegen ihrer außergewöhnlichen Historie den Beinahmen „Indien-Reise“ trägt. Ganze 6 PS leistete ihr Doppelkolben-Zweitaktmotor mit nur einem Zylinder. 3.000 Kurbelwellen-Umdrehungen waren das Maximum, drei Gänge standen zur Verfügung. Eine Hinterradfederung gab es genauso wenig wie einen Tachometer, aber immerhin je eine Bremse im Vorder- und Hinterrad.

100 Kilogramm leicht war diese zwischen 1929 und 1933 in 13.200 Exemplaren in Graz gebaute Puch, die der Tiroler Motorsportler Max Reisch wählte, um per Motorrad Indien zu erreichen. 1933 startete der 21-jährige Jung-Ingenieur das Abenteuer; eine Sahara-Tour mit diesem Motorrad im Jahr 1932 hatte ihn im Glauben ermutigt, tatsächlich Bombay erreichen zu können.

Unterwegs war Max Reisch mit dem Wiener Herbert Tichy, der später vor allem als Erforscher Tibets bekannt werden sollte. 13.000 Kilometer legten beide auf dieser einen Puch zurück, über Istanbul, Aleppo. Bagdad, Teheran und Delhi bis Bombay.

Wie alle anderen Fahrzeuge, mit denen Max Reisch seine zahlreichen Expeditionen in die Sahara, nach Indochina oder auch rund um die Welt absolvierte, ist die Puch Indien-Reise im originalen Zustand erhalten, wie er sich am Ende der 13.000 Kilometer-Tour ergab.

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Aprilia radlos

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