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Der Traum vom Wegfahren

Zum Thema Auto hat neulich ein Berliner Buchhändler das abschließend Gültige präsentiert. Einfallsreich, wenn auch unbeabsichtigt. In einer Aktualitätenkiste mit Werken unterschiedlichster Thematik hat er einen Ferrari-Bildband aufgestellt, daneben die Geschichte des Hauses Porsche, gefolgt vom Almanach über den automobilen Rennsport.

Darüber hat er einen faustdicken Wälzer mit dem Titel "Mythologie" geklotzt, der über die Edda erzählt, über Kelten und Griechen, Germanen und Schamanen. Ferrari und Feueranbetung - das passt. Wenn denn der Automobilindustrie in fast 150 Jahren etwas gelungen ist, dann ist es die Legenden bildende Kraft des Faktischen.

Mit erstaunlichem Erfolg frickelte und webte jedenfalls die Automobil-Industrie an ihrem Mythos, der sich eigentlich auch hätte verlieren können in der technikgeschichtlichen Beiläufigkeit oder Alltäglichkeit von Errungenschaften wie Glühbirne, Sicherheitsnadel, Reißverschluss, Kühlschrank, Rasenmäher, musikalischer Glückwunschpostkarte oder Regal "Billy".

All diese Produkte wirken zwar ähnlich segensreich wie das Auto. Sie brachten es aber nie zu vergleichbarer Mystifikation wie jene spritgetriebene Innovation, welche die Herren Otto und Benz auf die Rampe schoben.

Warum eigentlich nicht?

Ganz einfach: Auf Reißverschlüssen kann man nicht durch Haarnadelkurven spitzeln. Kühlschränke beschleunigen nicht in vierkommaneun von null auf hundert und ermöglichen den Traum vom Wegfahren. Sicherheitsnadeln haben weder Zylinder noch Hubräume. Und vor der Glühbirne sind wir alle gleich.

So kommt es, dass heute ein einziges "Chapeau!" bzw. "Geiles Teil, Alter!" aufbraust, wann immer Drehmomente einen Moment lang länger drehen, Spoiler ein wenig CW-wertiger Luft zersäbeln oder einer ältlichen Pumpen-Düsen-Technik neue Durchzugsstärke erwächst.

Wenn wir dieses bedeutsam klingende Kauderwelsch der Eingeweihten beschwören, können wir stets sicher sein, eingeweiht zu bleiben. So erfüllte und erfüllt das Auto unsere Sehnsucht nach der komplizierten Ambivalenz des Einfachen.

Wir können, einerseits, vor der visionären Könnerschaft der Konstrukteure, Ingenieure und Designer sachkenntnisreich niederknien. Uns über automobile Technik-Führerschaft am Beispiel "elektrischer Wangen-Verstellung" oder "satt klickender MMI-Dreh-Drückknöpfe" vergewissern. Oder wir können über abgekantete Hecks als Formensprache einer "Neuen Deutlichkeit" räsonieren.

Andererseits können wir nach all dem Getue und Gerede einfach einsteigen, männlich-herb gucken und mit 300 Sachen in den Sonnenaufgang brettern, bis der Abrieb köchelt. Weit fort. Bis zum Horizont.

Mehr zu diesem Thema lesen Sie am morgigen Freitag im Weekend Journal des Handelsblattes.

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