Medizinisch-Psychologische Untersuchungen
Spekulation um Videoaufzeichnung von "Idiotentests"

Das könnte ein echter Aufreger für betroffene Autofahrer werden: Angeblich plant Verkehrsminister Ramsauer, die MPU zu reformieren, die umgangssprachlich "Idiotentest" genannt wird - mit unangenehmen Folgen.
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DüsseldorfDer Idiotentest für Verkehrssünder steckt seit Jahren in einem Dilemma. Einerseits soll das als MPU bekannte Verfahren streng sein, um Raser, Verkehrsrowdys und Trunkenbolde möglichst wirkungsvoll aus dem Verkehr zu ziehen. Andererseits soll es auch fair sein, und reuigen Sündern eine Chance auf die Aufhebung des oft Existenz bedrohenden Fahrverbots geben. Doch der Test (350 bis 750 Euro) wird auch oft als willkürlich kritisiert, nicht transparent und in seinen Ergebnissen nur schwer nachvollziehbar.

Ändern will das nun Bundesverkehrsminister Ramsauer, der kürzlich bereits eine Reform des Flensburger Punktekatalogs fürs Verkehrssünder ankündigte. Die sogenannte Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) steht nach Informationen von Bild.de vor einer Reform. Ramsauer (CSU) erwäge, die MPU begleitende Tonband- und/oder Videoaufnahmen verbindlich vorzuschreiben, meldet die Website heute. Auffällig gewordene Verkehrsteilnehmer sollten außerdem Mitschriften von Gutachter-Gesprächen gegenlesen und gegenzeichnen, heißt es weiter. Bild.de zitiert aus einem internen Vermerk des Verkehrsministeriums: „Ziel ist die Sicherung von Einzelfallgerechtigkeit, Rechtsgleichheit, Qualität und Transparenz."

Datenschutzrechtliche Bedenken

Die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) solle nachvollziehbarer und das Verfahren qualitativ besser werden, teilte auch das Bundesverkehrsministerium am Donnerstag auf Anfrage mit. Die Bundesanstalt für Straßenwesen sei mit wissenschaftlichen Vorarbeiten dafür beauftragt worden. Ergebnisse werde es voraussichtlich nicht vor Jahresende geben. Bislang prägen wirtschaftliche Interessen unterschiedlichster Anbieter (etwa für Aufbauseminare) und starke regionale Unterschiede den Markt. Der FDP-Verkehrspolitiker Oliver Luksic forderte kürzlich in der „Saarbrücker Zeitung“, vor allem die Testfragen zu verbessern: „Die momentanen Fragen greifen oft viel zu weit in die Intimsphäre der Getesteten ein. Hier brauchen wir klare Vorgaben.“

Maßnahmen, die aber nur teilweise im Sinne der Experten des Deutschen Verkehrsgerichtstags wären, denn die fordern zwar schon seit Jahren eine Reform der MPU. Videoaufzeichnungen und Mitschriften waren aber aus Datenschutzgründen bereits vom Verkehrsgerichtstag in Goslar abgelehnt worden.

Hintergrund: Die MPU wird zu Unrecht als "Idiotentest" bezeichnet, schließlich müssen sich auch Verkehrsteilnehmer der Untersuchung stellen, die im Straßenverkehr nicht auffällig geworden sind. Zum Beispiel wenn sie körperliche Gebrechen haben, oder wenn sie schon mit 17 Jahren den Führerschein machen wollen.

Berüchtigt ist die vom Amt veranlasste MPU aber deswegen, weil die große Masse ihrer Teilnehmer setze sich aus Personen zusammensetzt, bei denen ernsthafte Zweifel an der Fahreignung bestehen, oft haben sie Straftaten oder Ordnungsverstöße in erheblichem Umfang begangen. 2009 waren 30 Prozent der MPU-Anlässe erstmalige Alkoholauffälligkeit. 17 Prozent betrafen wiederholte Auffälligkeit. Bei 19 Prozent waren Drogenkonsum oder missbräuchlicher Umgang mit Medikamenten der Anlass.

Alkohol, Drogen, und zu viele Punkte in Flensburg also - wer seinen Führerschein aus besagten Gründen verliert, muss an der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) teilnehmen, um seine Fahrerlaubnis wieder zu bekommen. Rund 102.000 Autofahrer sind das pro Jahr in Deutschland, oder 0,19 Prozent aller Führerscheinbesitzer in Deutschland. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen besteht die Prüfung - mit oder ohne anschließendem Aufbaukurs.

Wer wegen seiner Verkehrssünden eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) absolvieren muss, ist danach geläutert. 90 Prozent der Teilnehmer werden laut einer Studie nicht mehr rückfällig. In einer repräsentativen Untersuchung hatte die Universität Bonn dafür das Verhalten von 1.600 MPU-Teilnehmern über drei Jahre nach absolvierter Prüfung kontrolliert. Zur Zeit sind fast neun Millionen Autofahrer im Verkehrszentralregister registriert. 281.000 davon haben auf einen Schlag fünf bis sieben Punkte bekommen, meistens wegen einer Trunkenheitsfahrt.

Bei einer MPU können die Betroffenen ihre Chancen schon dadurch verbessern, indem sie die häufigsten Fehler vermeiden. Und zu den größten Patzern gehört es laut dem Magazin "Auto Test" beispielsweise, die Schuld für das eigene Fehlverhalten auf andere zu schieben, also auf die Polizei, das Schicksal oder die Freunde, die einen ans Steuer gelassen haben.

Wer die MPU nicht als Strafe betrachtet, sondern als Chance, verbessert ebenfalls seine Erfolgsaussichten, genau wie diejenigen, die die Ärzte und Psychologen nicht als Feinde betrachten. Wenig erfolgversprechend ist es, bei der MPU auf die eigenen schauspielerischen Fähigkeiten zu bauen und auswendig Gelerntes aufzusagen. Auch Beschönigungen helfen nicht weiter. Stattdessen sollte man nur dann zur Untersuchung gehen, wenn sich tatsächlich bereits etwas verändert hat, zum Beispiel das Trinkverhalten oder der Drogenkonsum.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt Online / Redakteur

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  • Die MPU ist im Grunde nichts anderes als Geldschneiderei und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Psychologen, die sonst vom Amt leben müssten. Für diese bis du bereits Alkoholiker, wenn du zwei Bier trinkst und anschließend noch gerade stehst oder das Schlüsselloch deiner Wohnung findest. Lächerlich.

  • Auf Basis welcher Rechtsgrundlage?

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