Tokyo Auto Salon 2013
Faktor 86

Starke Muskeln, sexy Mädchen, süße Maskottchen - der Tokyo Auto Salon ist die schrägste Tuningmesse der Welt. Der heimlich Star ist jedoch ausgerechnet ein Auto von Toyota.
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TokioDie schrägste Tuning-Messe der Welt, der Tokyo Auto Salon, hat den Sprung an die globale Elite geschafft. Den Adelsschlag versetzt ihr ausgerechnet eine Schweizer Firma, die sonst ohnehin sündhaft teure Boliden für Scheichs und russische Oligarchen für satte Aufpreise noch weiter veredelt: Erstmals stellt Fab Design auf dem einstigen Mekka der Spoilerschrauber aus. „Wir steigen wieder in den japanischen Markt ein“, erklärt Firmengründer Roland Rysanek den Sprung nach Ostasien.

Der bunte Mix von starken Schlitten, sexy Mädchen und süßen Maskottchen ist ein Kulturschock für den Edeltuner aus Hunzenschwil. „Was ich davon halte, darf ich nicht sagen. Es ist eine andere Welt“, schmunzelt der Stammgast der Scheichs. Dennoch ist die Messe ein Muss selbst für einen Luxusanbieter wie ihn, der in Japan ein Fünfel seines Weltumsatzes erzielen und von hier aus sogar China erschließen will. Denn der Tokyo Auto Salon boomt wie keine andere Messe der Welt.

Ein Drittel mehr Fläche haben die Organisatoren dieses Mal auf der Makuhari Messe bei Tokio angemietet. Und dennoch platzt die Veranstaltung bereits wieder aus allen Nähten. Verantwortlich ist dafür vor allem ein Auto, den Spötter wie Fans gerne „Toyobaru“ nennen: einem von Toyota und Subaru gemeinsam entwickelten Sportwagen.

Toyota 86 oder Subaru BRZ heißt das Gefährt. Und es mehr als nur ein schnittiger Flitzer, sagt der Tuner Derek Hawken von Avo Turboworld in Tokio. „Das Auto ist ein genialer Wurf von Toyoda-Chef-Akio Toyoda. Es hat Japans Handy-Jugend wieder fürs Auto begeistert.“ Der Hachiroku (Acht-sechs) sei „das In-Auto des Jahres“, so Hawken. „Jeder will einen, also wollen viele einen getunten.“

Es wundert daher nicht, dass es das am meisten auf der Messe ausgestellte Auto ist. Selbst Edeltuner wie Wald, sonst auf Rolls Royce und Oberklasse-Muckis deutscher Herkunft wie BMW spezialisiert, kommen nicht um einen Billig-Boliden vom automobilen Biedermeierfabrikanten Toyota herum.

Toyota-Chef Toyoda muss dies mit tiefer Zufriedenheit erfüllen. Denn das Auto ist sein strategisches Produkt. „Wenn's keinen Spaß macht, ist es sein Auto“, hatte er im Dezember 2011 bei der Vorstellung des Autos gesagt. Und der 86 sollte dafür sorgen, dass sich jeder Fahrspaß leisten kann.

Das Einstiegsmodell ist so gepreist, dass auch ein japanischer Berufsanfänger sich den Traum von einem Sportauto erfüllen kann. Wer es komfortabler oder sportlicher wünscht, bedient sich entweder aus der Optionsliste des Konzerns oder geht zu Tunern wie Avo Turboworld. Die haben eine 86-Tuning-Kit entwickelt, der mit einem Turbo die werksseitigen 190 auf 310 PS aufbläst.

Inzwischen mag sich daher kein japanischer Hersteller mehr dem Sog der Messe entziehen. Ob Honda oder Nissan, Suzuki oder Mazda, alle sind sie da, um das aus der Mode gekommene Auto wieder emotional aufzuladen. Und Emotionen gibt es genug zu bestaunen. Nicht umsonst hat sich der Tokyo Auto Salon unter den Tunern in aller Welt den Ruf aufgebaut, besonders verspielt zu sein.

Erlaubt ist, was gefällt. Tabus gibt es keine. Selbst Teddies und Testosteron schließen sich hier nicht aus, sondern verschmelzen zu einer einmaligen Tuning-Kultur, die alle teilhaben lässt - Männer, Frauen, Alte, Kinder.

Schrauber können hier ihre Bauteile-Träume erfüllen oder sich Anregungen für die Karosseriegestaltung holen. Andere Stände haben sich auf Frauen spezialisiert. Modebewusste Damen können sich dort ihre Autos mit Glasperlen oder bunten Armaturverkleidungen individualisieren. Zudem sind knapp bekleidete Standdamen allgegenwärtig, die sich Hersteller in Europa in den letzten Jahrzehnten schon weitgehend abgewöhnt haben.

Mit am heftigsten frönt ein Stand dem Laster, der es angesichts seiner PS-Stärke eigentlich am wenigsten nötig haben sollte: der für getunte Hino-LKWs.

Von hunderten von Männern umlagert räkeln sich einige Tänzerinnen in knappen Zweiteilern auf dessen Bühne. Der schwarze Laster am Bühnenrand scheint nur Beiwerk der Show zu sein. Kurz: Der Tokyo Auto Salon ist eine - teilweise grenzwertige, aber immer spaßige - Erfahrung für die ganze Familie.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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