Tumminellis Designkritik
Land-Rover Defender: Voll daneben

Designer haben bei der Modellpflege des Land-Rovers Defender die Innenausstattung aufgewertet. Dabei haben sie auch das Armaturenbrett verändert – und dem „Landy“ die Authentizität geraubt.

Würde die Unesco bei der Auflistung des Weltkulturerbes Industrieprodukte mitberücksichtigen – eine Erweiterung, die ich für sinnvoll halte –, so gehörte der Land-Rover als einziges der heute produzierten Automobile dazu. 1948 kam der „Landy“ als spartanisches Allzweckfahrzeug auf den Markt. Sein Hauptmerkmal ist heute noch die einzigartige Karosserie aus genieteten Aluminiumblechen, deren Form in den Jahrzehnten nur selten – und wenn, geringfügig – geändert wurde.

Das Image des Land-Rovers war stets zweideutig: einerseits Arbeitstier für den militärischen und den zivilen Einsatz, andererseits Passepartout einer Elite mit gehobenem Lifestyle. Wer (viel) Land besaß, der fuhr, unter anderen, einen Land-Rover. Erst später kam der Range-Rover und somit die SUV-Ära. Geländefahrzeuge wandelten sich zu glänzenden und opulenten Gefährten, mit denen man sich niemals ins Gelände trauen würde. Die Autos wurden zwar begehrter denn je, aber plötzlich auch sehr ordinär.

Um sich dem Ordinären zu entziehen, hat die ursprüngliche Zielgruppe – und jene, die als solche wahrgenommen werden will – den Charme des ursprünglichen Geländewagens wieder erkannt, nur der Urtyp heißt bei Land-Rover seit 1990 auf Grund einer neuen Markensystematik nun „Defender“.

Fürs Marketing ein Wunder: Hier gibt es eine solvente Kundschaft, die sich alles leisten könnte, und dort ein spartanisches Fahrzeug, das, objektiv bewertet, kaum was zu bieten hat – und die eine ist in das andere verliebt. Der Defender steht sowohl als Ewigklassiker – kurzer Radstand in Beige – wie auch als Snobsymbol – langer Radstand in Schwarz – hoch im Kurs.

Die ganz besondere Natur des Defenders erkennt man daran, dass niemals ein Designer oder gar ein Stilist die Evolution des Gegenstands beeinflussen durfte. Die unordentliche Verstreuung der verschiedensten Details, die Asymmetrien, Unregelmäßigkeiten und Störungen, sind das, was den Defender zu einem einmaligen Automobil macht.

Genau deswegen liebt man das Auto – innen wie außen so unverwechselbar urig, so faszinierend authentisch. Diese Authentizität kommt nun leider abhanden. Bei der Modellpflege wurden die Aufwertung und Verjüngung des Armaturenbretts verordnet. Zum ersten Mal waren Designer am Werk, und man spürt es: Alles ist nun schön symmetrisch geordnet, das Mattsilber allgegenwärtig – weit und breit eingesetzt, eine Phaeton-Uhr mittig auf die Mittelkonsole geklebt. Wie bieder und wie schade! Konzept und Design, das Innen und Außen passen nun nicht mehr zusammen.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%