Autonomer BMW elektronisch im Drift
Aus Freude am Beifahren

Bislang sind Autos im autonomen Betrieb defensiv unterwegs. Damit kommende Autopiloten auch Ausnahmesituationen bewältigen können, schärft BMW seinen Assistenzsystemen die Sinne und treibt sie bis in den Grenzbereich.
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Die Reifen quietschen, es drückt einen mal links und mal rechts in die hohen Seitenwangen der Ledersessel, das Lenkrad dreht sich wie ein Brummkreisel – und Yves Pilat sitzt zwar hinter dem Lenkrad, hat aber die Hände im Schoß. Denn der neuer Zweier des BMW-Entwicklers ist kein gewöhnliches Auto, sondern ein Prototyp mit einem besonders rasanten Autopiloten.

Auf Knopfdruck rast das Forschungsfahrzeug über einen vorgegebenen Kurs und lässt sich auch von widrigsten Umständen nicht von der programmierten Ideallinie abbringen: Unterschiedliche Reibwerte, Unter- oder Übersteuern, kürzere oder längere Bremswege – all das kompensiert der elektronische Fahrer, als wäre er Stammgast in der Rennfahrer-Schule.

So findet der Versuchsträger zentimetergenau bei hoher Geschwindigkeit den Weg im Slalom zwischen den Pylonen, bleibt auch auf nassem Asphalt auf einer vorgegebenen Kreisbahn und beherrscht bei einem Ausweichmanöver den Spurwechsel von einer Fahrbahngasse in die nächste perfekt.

Ganz neu ist die Funktion nicht. Im Grunde gibt es das bei den Bayern als so genannten „Track Trainer“ schon seit einigen Jahren. Allerdings wurde der mal entwickelt, um Sportfahrern zu besseren Zeiten auf Rundstrecken zu verhelfen. Jetzt soll er mit geschärften Sinnen und mehr Möglichkeiten zu einem wichtigen Baustein für das autonome Fahren werden.

„Wenn wir das Auto alleine fahren lassen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass es in kritischen Situationen ausreichend Handlungsspielraum hat, den Grenzbereich voll ausreizt und im Zweifelsfall buchstäblich das Lenkrad herumreißen kann“, sagt Werner Huber, der bei BMW die Entwicklung der Assistenzsysteme leitet.

Im Notfall in letzter Sekunde ausweichen, extrem schnell die Spur wechseln, mit voller Kraft in die Eisen gehen – mit der sonst so defensiven Art des unterstützen Fahrens kommt man da nicht sehr weit.

So baut der Prototyp anders als aktuelle Serienfahrzeuge nicht allein auf die ESP-Sensoren und bremst nicht nur die einzelnen Räder ab. Zum ersten Mal setzt er auch gezielte Lenkimpulse ein, um den Wagen zu stabilisieren und so unter allen Umständen einen sauberen Kurs zu fahren.

Das Ergebnis: Auch in unerwarteten Situationen wie bei plötzlich auftretendem Aquaplaning oder starkem Seitenwind reagiert der Wagen wie ein gut trainierter Fahrer und tut alles, um die vorgegebene Linie möglichst genau einzuhalten. Und am Ende eben doch noch die Kurve zu kriegen. „Natürlich können wir die Gesetze Physik damit nicht aushebeln“, weiß auch Entwickler Pilat. „Aber wir können sie wenigstens voll ausnutzen, wenn es mal nötig wird.“

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