Mercedes GLE Coupé im Handelsblatt-Test
Nicht nötig, aber machbar

Das GLE Coupé von Mercedes zwingt sich Betrachtern optisch auf, kann seine Stärken aber auch gut verbergen. Die Schwächen sind offensichtlich: Zu viel Gewicht, zu viel Hinterteil, zu viele Gänge, zu viel Geld.

DüsseldorfDer erste Blick geht auf den Hintern. Nicht des Fahrers. Des hyanzinth-roten SUV-Coupés. Ein paar Schritte herum um den Mercedes GLE 350d 4matic, die Augenbrauen kurz hochgezogen, kommt die Reaktion meiner Frau schnell, aus vollem Herzen und klingt wie eine Mischung aus Respekt, Ablehnung und Begeisterung zugleich: „Was ist das denn für ein Schlachtschiff – da brauchst Du ja ein Kapitänspatent für!“

So wie sie hat nahezu jeder Bekannte, der mich mit dem GLE Coupé sieht, einen flotten Spruch auf den Lippen. Das Auto provoziert. Selten Unflätiges. Manchmal Missfallen. Oft Bewunderung. Immer Emotionen: „Was 'ne Wuchtbrumme“ (der autobegeisterte Nachbar), „Was fährst Du denn da für eine Zuhälterkarre?“ (der Tenniskollege), „Boooaaah, ist der cool!“ (der 14-jährige Klassenkamerad der Tochter).

Alles zusätzlich beeinflusst von der durch die AMG-In- und Exterieur-Ausstattung aufgepimpte Optik des 258 PS-starken 3-Liter-Diesels. Aber der Vergleich mit dem Schiff hat es dann vielleicht doch am besten getroffen. Nicht nur wegen der beeindruckenden Außenmaße.

4,90 Meter lang, fast 2,13 Meter breit und dank des Airmatic-Pakets bis zu 1,77 Meter hoch rollt er auf 21-Zoll-Felgen daher - da brauchen Menschen unter 1,60 Meter Körpergröße schnell mal eine Trittleiter zum Einsteigen. Auch so mancher nicht mehr ganz so bewegliche Senior bekommt seine Schwierigkeiten.

Unerreichbarer Vogelschiss

Der Vogelschiss auf dem Dach ist da auch nicht mehr so ohne weiteres mit einem Handstreich entfernt. Und der Getränkeeinkauf für die Party am Wochenende wird sicher nicht am Platzangebot im Kofferraum scheitern: 650 Liter, bei umgeklappten Sitzen bis zu 1.720 Liter passen rein.

Möglicherweise scheitert die Bevorratung aber an der Ladekante des Schiffs, die so hoch ist wie eine Kaimauer: Bierkästen ins Auto und zu Hause wieder über die zusätzlichen 20 Zentimeter vom Ladeboden zur Kofferraumöffnung heraus zu hieven, ist nur was für Leute mit kerngesundem Rücken und definiertem Bizeps.

Gut, dass wenigstens die serienmäßig elektrisch ausschwenkende Kofferraumklappe die Sache etwas erleichtert. Wer die allerdings manuell am Kofferraumdeckel statt über den Funkschlüssel oder per Knopfdruck vom Fahrersitz aus öffnen will, der muss gerne erst mal im Bordhandbuch nachschlagen. Denn die Vorrichtung verbirgt sich gut getarnt hinter dem unteren Rand des Deckels.

Wie der Kapitän eines Luxusdampfers fühlt man sich auf dem Fahrersitz. Die Übersicht auf den Verkehr ist beeindruckend. Ist das Luftfederfahrwerk voll ausgefahren, blickt man wie von der Brücke von oben auf das Geschehen, wo ängstliche Kleinwagen versuchen, noch rechtzeitig Platz zu machen.

Eine Enttäuschung ist natürlich der Blick nach hinten, an C-Säule und Kopfstützen vorbei durch das Schießschartenheckfenster. Wo der Testwagen endet, lässt sich beim besten Willen nicht erahnen. Doch wo Ozeanriesen der Hafenlotse zu Hilfe eilt, greifen beim GLE die Sicherheitssysteme und Assistenten ein.

Dank aufmerksamer Sensoren und Warnpieper, dank der obligatorischen Rückfahrkamera mit 360-Grad-Rundumsicht, hochauflösenden Bildern auf dem hochauflösenden 8-Zoll-Display (20,3 cm) des Command Online-Systems (3.510 Euro Aufpreis) und dank großen Außenspiegeln behält der Käpt'n alles im Blick, was Lack und Ladegut gefährlich nahe kommen könnte. Dann muss er sich nur noch trauen. Aber das ist wohl eine Frage der Zeit bzw. der Eingewöhnung.

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