Messverfahren
Spritverbrauch wie im Paradies

Der offizielle Spritverbrauch, mit denen Autohersteller werben, ist unter realen Bedingungen kaum zu erreichen. Schuld daran ist auch das europäische Verbrauchstest NEFZ. Autoexperten wollen das Verfahren überarbeiten.
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DüsseldorfDie Sonne scheint, es ist 30 Grad warm, eine schnurgerade, unbefahrene Landstraße und der Motor surrt auf niedrigen Touren. Diese paradiesischen Bedingungen sind nötig, um in etwa den Spritverbrauch zu erreichen, den die Hersteller in ihren Hochglanzprospekten ausweisen. Die realen Verbrauchswerte liegen im Durchschnitt etwa 25 Prozent über den offiziellen Werten, schätzt der ADAC. Wer einen Blick auf den Test wirft, mit denen der Spritverbrauch gemessen wird, wundert das nicht.

Denn wenn der Spritverbrauch von Neuwagen untersucht wird, bekommen die getesteten Wagen nie eine echte Landstraße zu sehen. Auch keinen Berufsverkehr. Es sitzt nicht mal ein Fahrer am Steuer. Stattdessen wird die Realität im Labor nachgestellt. Genauer: auf einem Rollenprüfstand, der die Straßenbedingungen simuliert.1.180 Sekunden dauert die Fahrt insgesamt - 780 Sekunden unter Stadtbedingungen, 400 Sekunden über Land. Dabei werden zunächst die Abgase gemessen und daraus der Spritverbrauch berechnet. Neuer Europäischer Fahrzyklus oder kurz NEFZ heißt der Test im Bürokratendeutsch. Im Jahr 1996 hat er die vorher gültige DIN-Prüfung abgelöst, mit dem erklärten Ziel den Spritverbrauch europaweit vergleichbar machen. 

Unter der Federführung des dänischen EU-Wirtschaftskommissars Henning Christophersen ist dabei ein Test entstanden, der mit der Realität kaum noch etwas zu tun hat. „Wir haben das Verfahren immer als nicht realistisch genug kritisiert“, sagt Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des Verkehrsclub Deutschland (VCD). Einmal jährlich stellt sein Verband eine Liste der umweltfreundlichsten Autos auf. Vom NEFZ hält er wenig. „Hersteller können alle Tricks ausreizen, um den Verbrauch klein zu rechnen.“ Mit spritsparenden Reifen und Autos, die Stunden vor dem Test auf 30 Grad aufgeheizt werden, lässt sich der Verbrauch künstlich senken. Bei diesen Temperaturen fließen Treibstoff und Öl besonders verbrauchsarm.

Ein weiteres Problem: Der Verbrauch eines Autos ist erheblich von der Umgebung abhängig. Wer auf einer verschneiten Landstraße in Schweden unterwegs ist, verbraucht durch seine Heizung mehr als wenn er über eine Küstenstraße in Süditalien fährt. Wer durch die Serpentinen der österreichischen Alpen kurvt, hat dort einen höheren Spritverbrauch als auf einer holländischen Plattlandautobahn. Doch Steigungen kennt der NEFZ nicht.

Der Verbrauch von elektronischen Extras wie Klimaanlage und Sitzheizung wird ebenfalls nicht erfasst. Dabei sind es gerade die elektronischen Helfer, die den Verbrauch bei Neuwagen massiv ansteigen lassen.  

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