Nachgefragt bei ADAC-Testleiter Reinhard Kolke
Größtmögliche Realitätsnähe zum Fahrverhalten

Der ADAC verschärft seinen EcoTest. Ab sofort arbeitet der Club mit einem der weltweit härtesten Umwelttests für Neufahrzeuge. Was stimmt nicht mit den bisherigen Norm-Prüfungen?
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Düsseldorf/MünchenHandelsblatt Online: Herr Kolke, die europäische Norm, mit der Verbrauchswerte für PKW ermittelt werden, gilt bei vielen Experten als veraltet und erscheint Autofahrern unrealistisch. Was sind aus Sicht des Technikers die wichtigsten Kritikpunkte?

Dr.-Ing. Reinhard Kolke, Leiter ADAC Test und Technik: Die Vorgehensweise und die erste Version eines Stadtzyklus wurde in der Richtlinie 70/220/EWG vom 20. März 1970 beschrieben. Den seither geringfügig erweiterten, trägen NEFZ auf dem Prüfstand zu fahrenkostet schon Überwindung und hat wenig mit dem realen Betrieb zu tun.

Der NEFZ besteht lediglich aus einem innerstädtischen und einen außerstädtischen Teil und bildet den realen Fahrzeugbetrieb nur eingeschränkt ab. Darüber hinaus werden im NEFZ auch keine elektrischen Verbraucher zugeschaltet, obwohl Tagfahrlicht, Abblendlicht  und Klimaanlage im Alltag zu Mehrverbrauch führen. Schon 2003 hat der ADAC die Schwächen aufgegriffen und im realitätsnahen EcoTest mehr als 1.300 Pkw überprüft. Ein weiteres Jahrzehnt später verwenden wir ab sofort nicht nur den Autobahnzyklus, sondern schon jetzt den Weltzyklus WLTP.

Warum wendet man nicht auch in Europa einfach den amerikanischen Fahrzyklus FTP 75 an, der als vergleichsweise realstisch gilt?

Unbestritten ist der FTP 75 aus dem Jahr 1975 einer der besten Zyklen. Der ADAC hat regelmäßig Untersuchungen in diesem Zyklus durchgeführt. Er ist sehr dynamisch und stellt hohe Anforderungen an Verbrauch und Abgasemissionen. Aber jedes Land und jeder Kontinent wünscht eigene Identität. So wie der ADAC seit 2003 im EcoTest den "ADAC Autobahnzyklus" prüft, soll also der NEFZ durch einen Weltzyklus (WLTP) in Europa abgelöst werden.

 

Wann ist es mit der Ablösung soweit und was ändert sich dadurch? 

Voraussichtlich 2016/2017 könnte der WLTP und die dazugehörigen angepassten Grenzwerte Standard sein. Schwerpunkte bei der aktuellen Entwicklung des neuen Fahrzyklus WLTP sind die größtmögliche Realitätsnähe zum weltweiten Verkehrsgeschehen und zum Fahrverhalten. Außerdem soll der WLTP reproduzierbar und realitätsnah sein. Im Vordergrund steht der Abbau von Handelshemmnissen sowie der Schaffung einer einheitlichen Vergleichsbasis.

Wie sollten künftig die Durchschnittsverbräuche von Elektro- und Hybridfahrzeugen ermittelt werden? 

Um Elektro-/Hybridfahrzeuge mit den herkömmlichen Antriebsarten direkt vergleichen zu können, müssen auch diese Fahrzeuge die gleichen Messzyklen durchfahren. So ist es auch im ADAC EcoTest. Wichtig ist, dass bei der Ermittlung des elektrischen Energieverbrauchs auch die Ladeverluste (Normalladung) berücksichtigt werden.  Seit Mitte der 90er Jahre wird uns versprochen, dass Ladeverluste problemlos minimiert werden können. Im Alltagsgebrauch wurde dies aber bisher noch nicht bestätigt. Stellen sie sich vor, sie zapfen zehn Liter Benzin und "verlieren" dabei jeweils zwei bis drei Liter an der Zapfsäule.

 

Warum weichen die EcoTest Ergebnisse des ADAC so deutlich von den Angaben der Hersteller ab?

Die Basis des ADAC EcoTest bildet zum einen der Neue Europäische Fahrzyklus (NEFZ), der Voraussetzung für die Typzulassung ist. Der ADAC untersucht darüber hinaus auch das Umweltverhalten
bei verschärften Anforderungen. Der EcoTest bezieht daher zusätzlich den WLTP und den ADAC Autobahnzyklus ein. Bei  allen Fahryklen wird mit eingeschaltetem Abblendlicht bzw. Tagfahrlicht gefahren bei den beiden Zusatztests ist  darüber hinaus die Klimaanlage eingeschaltet. Damit liefert der EcoTest realitätsnahe Ergebnisse. 

Die Fragen stellte Frank G. Heide

So funktioniert der neue ADAC EcoTest (pdf)

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt Online / Redakteur

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