Ricardo Flores
Der Strippenzieher vom Zuckerhut

Der staatliche Pensionsfond Previ ist ein mächtiger Strippenzieher in Brasilien. Bei allen wichtigen Aufsichtsräten des Landes sind seine Vertreter an Bord. Previ-Chef Ricardo Flores agiert hingegen mehr im Hintergrund.
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Sao PauloRicardo Flores zählt zu den mächtigsten Männern Brasiliens. Dennoch dürfte er keine Probleme haben, in Rio de Janeiro unerkannt Mittagessen zu gehen. In der Öffentlichkeit ist der Manager mit dem vernarbten Gesicht weitgehend unbekannt. Wer seinen Namen in Suchmaschinen eingibt, landet bei einem mexikanischen Namensvetter, einem Anarchisten aus dem vergangenen Jahrhundert.

Flores dagegen ist Kapitalist. Seit Mitte 2010 leitet er Previ, den größten und mächtigsten Pensionsfonds Lateinamerikas. Es ist der Pensionsfonds der staatlichen Banco do Brasil, der größten Bank in der Region. Einlagen von umgerechnet 92 Milliarden Dollar machen Previ zur Nummer 24 unter den größten Pensionsfonds weltweit, heißt es in der Fachzeitschrift Pensions & Investments.

Doch es ist nicht allein die Größe des Fonds, die Ricardo Flores und seine Direktoren zu den Mächtigen in Brasiliens Wirtschaft, ihre Handy-Nummern so begehrt macht. Es ist ihr Einfluss. Die Herren des Geldes entscheiden, ob ihre Real in ein Wasserkraftwerk, einen Schlachthof oder eine Raffinerie investiert werden. Sie entscheiden, ob aus armen Gemeinden, ja aus ganzen Landstrichen in wenigen Monaten Boomregionen werden – oder eben nicht. Für Bürgermeister, Abgeordnete und Senatoren ist das politisch überlebenswichtig. Aber auch unter Investoren aus der Privatwirtschaft sowie bei in- und ausländischen Unternehmenschefs sind Termine bei Flores in dessen Büros in Rio de Janeiro und Brasilia begehrt. Denn ohne Previ geht nichts in Brasiliens Wirtschaft.

180 Aufsichtsratssitze haben Previ-Direktoren. An 90 brasilianischen Aktiengesellschaften hält der Fonds bedeutende Anteile – darunter an allen brasilianischen Großkonzernen, den sogenannten Blue Chips. Von der Privatbank Bradesco etwa, dem Energieriesen Petrobras, Flugzeugbauer Embraer, dem Braukonzern Ambev, der Stahlschmelze Gerdau. Flores selbst ist der Boardvorsitzende bei Vale, dem zweitgrößten Bergbaukonzern der Welt.

Bei dem Großkonzern aus Rio de Janeiro zeigt sich beispielhaft, welchen Einfluss Previ in der brasilianischen Wirtschaft hat, im Spannungsfeld zwischen Staat und Markt: Der brasilianische Staat erreicht mit sieben Prozent Anteil am Kapital keine Mehrheit an Vale. Doch zusammen mit den Aktienpaketen von Previ (16 Prozent) und der staatlichen Entwicklungsbank BNDES (17 Prozent) hat die Regierung de facto die Kontrolle über den größten Eisenerzproduzenten der Welt – und konnte dieses Jahr dessen Vorstandschef auswechseln. Der war zwar aus Sicht des Unternehmens sehr erfolgreich. Allerdings hatte er sich in der Vergangenheit häufiger mit der Politik angelegt.

Der immense Einfluss Previs kommt auch daher, dass private Banken in Brasilien kaum langfristige Finanzierungen anbieten. Deswegen sind die 92 Milliarden Dollar, welche Previ in die brasilianische Wirtschaft investiert, entscheidend für deren Investitionskraft.

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Flores Jobbeschreibung: diskret aber effizient

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